Es ist Sommer

 

Ich bin gerade fünfzehn geworden und rebelliere in der Familie. Mir fehlte bisher der entscheidende Ausdruck für meine Grenzziehung. Ich fange bei dem Offensichtlichen an, in das mir keiner hineinreden kann. Meine Frisur und meine Kleidung gehören mir.

Meine Mutter ist nicht sehr glücklich damit, daß ich eigene Entscheidungen treffe. Vor allem, weil sie auch das Familienbild nach Außen betreffen. Das ist aber der Grund, ich mache die familiäre Enge sichtbar. Indirekt, aber konsequent. Wenn es hier Blüten gibt, dann hat es eine Ursache.

Seit neuestem habe ich einen Kassettenrecorder mit Radio, den mir ein Nenn-Onkel aus Westberlin geschenkt hat. Ein Geheimtip ist BFBS mit John Peels Music am Donnerstagabend. Die Zeit ist jetzt fest gebucht – mit „der Königin mit Rädern unten dran“ vom Palais Schaumburg zum Beispiel oder Extrabreit. So etwas gibt es im Osten nicht.

Hier gibt es den Jugendclub der FDJ in dem ein Freund und ich öfter Tischtennis spielen, das ist aber auch das Einzige, was wir dort interessant finden, denn die ganzen politischen Symbole und Losungen hängen uns schon zum Hals raus – das ist nichts Neues.

Als ich mit Freunden im Kulturpark im Plänterwald war, lernte ich ein Mädchen kennen – ein Jahr jünger, aber mit der gleichen Intention sich gegenseitig die Zunge in den Hals zu stecken. Später erfuhr ich von ihr, daß sie in Hamburg wohnt und mit ihren Eltern aus Ost-Berlin vor einem halben Jahr ausgezogen ist. Sie kann nur alle vier Wochen nach Ost-Berlin reisen – jetzt wird mir die Mauer das erste Mal schmerzlich bewußt.

Anderen bringt sie Platten und Buttons etc. mit, ich verzichte bewußt darauf, denn ich will sie nicht ausnutzen. Dafür legt sie in einer Wohnung von Familienfreunden eine Platte von Lou Reed auf und fängt an sich zu entkleiden – „we Walk on The wild Side“ klingt es und ich bewundere ihren jugendlichen Körper. Ich ziehe mich auch aus und lege mich zu ihr. Streicheln ja – mehr nicht. Ich fühle mich unbeholfen und glücklich zugleich.

Das nächste Mal fahren wir zusammen mit anderen auf einen Zeltplatz an der Ostsee und teilen uns einen Schlafsack. Auf der Rückfahrt spüre ich großes Unbehagen, denn unsere Verbindung kann auf Dauer so nicht funktionieren und wir haben keine Perspektive – ich kann sie ja nicht besuchen. Ich trenne mich von ihr und frage nicht, ob sie es versteht.

Durch die Besuche im Kulturpark und Jugendräumen der Evangelischen Kirche lerne ich jetzt die unterschiedlichsten Menschen kennen. Letztens kam ich in Kontakt mit jemanden, den ich objektiv als häßlich wahrnahm. Nach der dritten Begegnung und einigen Gesprächen verschwand mein erster Eindruck, als hätte er nie existiert. Wir hingen in besagten Räumen herum, hörten Music und ab und zu trat auch mal eine Undergroundband auf.

 

 

 

 

Die Polizei

Mittlerweile trat auch die Polizei auf den Plan, dabei sah ich noch ziemlich normal aus, aber eben nicht konform genug. Sie nahmen uns einfach von der Straße mit, wenn sie mit ihrem Fahrzeug an uns vorbeifuhren. Aus reiner Schikane. In der Schule blieb alles ruhig, bis auf ein paar fiese Kommentare von einigen Lehrern. Obwohl ich ein sehr guter Schüler war, wurde mir gesagt, daß ich nicht zur EOS delegiert werde. „Schuld“ ist natürlich mein Elternhaus – katholisch und mit engen Beziehungen nach West-Berlin und Dänemark.

Mein Vater mischte sich im Auftrag meiner Mutter ein und verbrannte meine buntbemalte Jeans im Ofen. Am folgenden Tag zog ich Schlafanzughosen aus seinem Kleiderschrank an und ging damit zu Schule, obwohl es mir fast selber peinlich war. Mein Vater rührte meine Sachen nie wieder an.

Dafür mischte sich jetzt der ABV ein und konfiszierte ein Hemd von mir, weil auf diesem eine selbst gemalte Britische Flagge zu sehen war und ließ mich mit freiem Oberkörper weitergehen. Das nächste Mal erschien er bei mir zu Hause, um meinen Eltern ins Gewissen zu reden – mein Vater verwies ihn der Tür, da es familiäre Angelegenheiten seien.

Ich habe Freunde aus verschiedensten Bereichen der Subkultur und Schule. Ich fühle mich nie ganz einer Gruppe zugehörig, weil ich Gruppendynamiken mißtraue und mich auch nicht vereinnahmen lassen will. Mein bester Freund und ich denken uns immer neue Kleidungsstile aus, nähen auch selbst, um nirgendwo konformistisch zu erscheinen. Wir verwenden Reiterhosen, Nonnencapes, Lederjacken usw.. Besonders beeindruckt uns musikalisch die Radikalität der „Sex Pistols“. „A cheap holiday in other people’s misery!“ tönt es jetzt aus unseren Recordern (Holidays in the sun). Die fanden die Mauer auch befremdlich.

Von meiner Schwester ließ ich mir am Abend die Haare ausrasieren und jetzt stehe ich vor der Schule und werde nicht eingelassen. Die Direktorin ist extra nach unten gekommen und wies mich mit den Worten: So kommst Du hier nicht rein, ab. Drei Tage bleibe ich der Schule fern, muß aber erkennen, daß ich mich auf der kürzeren Seite des Hebels befinde. Ich bemühe meine Schwester erneut und sie rasiert mir alle Haare vom Kopf – besser sieht das auch nicht aus, aber ich kann zu Schule gehen, denn weitere Veränderungen meiner Frisur sind unmöglich. Das Ende vom Lied, ich werde nach den Russischprüfungen von der Schule relegiert ohne Chance die restlichen Prüfungen abzulegen.

Da ich keine Lust verspüre, in einem staatlichen Betrieb zu arbeiten, organisiert mir mein Vater eine Stelle in einer Bäckerei, in der ich später auch meine Lehre beginnen kann.

 

 

 

 

Lehrausbildung

Mit dem ersten Sack Mehl kippe ich direkt nach hinten um, die Last ist einfach zu groß ohne die richtige Technik – er wiegt fünfzehn Kilo mehr als ich. Insgesamt ist es eine physisch sehr fordernde Arbeit, aber das schaffe ich. Die Kollegen sind nett, aber fordernd. Mein Chef steck mir mittlerweile sonnabends etwas Geld zu, weil er mit meiner Leistung sehr zufrieden ist. Die Arbeitszeit beginnt für mich morgens um fünf Uhr – von Dienstag bis Sonnabendmittag. Ich bin immer der letzte in der Backstube und darf jede einzelne Fliese mit einem Schaber sauberkratzen. Das gehört dazu. Als ich das erste Mal mit einem Brett voller Brote den Laden zur Lieferung betrat, wären diese mir fast in die Kuchen und Torten gerutscht. Mit so einem großen Gewicht war ich noch nicht standsicher und ausbalanciert.   

Wenn ich mit der Straßenbahn nach Hause fahre, schlafe ich regelmäßig ein und fahre eine Station zu weit – ich sollte mir einen Wecker einstecken, aber dann müßten die Bahnen auch pünktlich sein. Meine Familie freut sich, denn jetzt darf ich zum Wochenende immer so viel Schrippen mit nach Hause nehmen, wie wir brauchen – kostenlos. Von meinem Lohn bleiben mir allerdings nur zwanzig Prozent.

Dienstag früh, ich war gerade beim Wirken der Schrippen, als die Polizei zur Hintertür der Backstube kam und mich zum Mitkommen aufforderte. Sechs Uhr morgens. Meine Kollegen waren irritiert und mußten dann meine Arbeit mitmachen. 

Ich landete in der Keibelstraße – irgendetwas zwischen Kriminalpolizei, Staatssicherheit und Untersuchungsgefängnis.

Im Verhörraum sind zwei Tische zu einem T gestellt, ich sitze am Fußende des Buchstabens und hinter mir stehen zwei Personen in Zivil, so wie auch der, der mir gegenübersitzt. Die Gardinen sind zugezogen, so daß kein Licht von Straßenlaternen nach Innen dringt. Der Boden ist frisch gebohnert und bis auf einen Metallschrank gibt es keine weitere Einrichtung.

Ich werde ausgefragt, Name und Daten, nach meinem Umfeld und persönlichen Verhältnissen. Irgendwann wußte ich worum es geht: Bekannte hatten Wochen zuvor Graffiti gesprüht: überdimensionale Anarchiezeichen und Losungen. Ich hatte davon gehört, war aber gerade zu dieser Zeit mit einer Grippe in meinem Bett beschäftigt, was ich so auch mitteilte.

Wer war dabei, wollen die Staatsdiener wissen, während sie sich um den Stuhl kümmern, auf dem ich sitze – vorwärts, rückwärts kippeln und ihre Hände an meinen Schultern.

In einer kleinen Kammer am Ende des Flures habe ich Pause. Mir wird ein Einweckglas mit einem gelben Tuch und verschiedene Kunststoffbeutelchen hineingereicht. Ich soll Haarproben von verschiedenen Stellen des Kopfes und eine Geruchsprobe von den Achseln abgeben.

Danach geht die Befragung weiter.

Zwischendrin öffnet sich die Tür zum Nebenraum und ein Mann berichtet, dass die anderen gestanden haben und reicht ein Papier hinein. Morgens um sechs Uhr werde ich entlassen, nachdem ich unter Aufsicht noch die Toilette aufsuchen durfte. Mein Vater berichtet mir von einer Hausdurchsuchung und der Mitnahme von Schriftproben.

Ansonsten alles wie immer, Arbeit, Freunde und Bekannte, bis ich eines morgens zu Hause von der Polizei abgeholt werde. Obwohl ich Kniebeschwerden habe, werde ich in Gewahrsam genommen. Ich hatte vergessen, mich beim Wehrkreiskommando zwecks Musterung zu melden – dabei war ich nicht einmal volljährig.

Nach einigen umständlichen Verrenkungen bat die untersuchende Ärztin die Polizisten mir die Handfesseln abzunehmen. Im Besprechungsraum sitze ich einer kleinen Kommission gegenüber – Militär, Inneres und Staatssicherheit. Die fragen mich nach der Prozedur doch ernsthaft, ob ich mich nicht für drei Jahre verpflichten will.

Ich antworte, daß ich höchstens als Spatensoldat tauge.

 

 

 

 

Umzug

Mein Freund bekommt zu seinem 18. Geburtstag eine Wohnung vom Wohnungsamt zu gesprochen, da er zu Hause unter sehr beengten Verhältnissen leben muß – bei mir ist das leider nicht so. Wir gründen eine Zweier-WG in einer Einraumwohnung – ich darf allerdings erst mit achtzehn zu Hause ausziehen – meine Mutter beansprucht nimmer noch Kontrolle über mich.

Die Wohnung ist eine geteilte Wohnung mit Toilette eine halbe Treppe tiefer. Der direkte Nachbar sitzt nach unserer Information im Gefängnis. Zum Glück haben wir nicht nur einen Kohleofen, sondern auch eine Außenwandheizung, gasbefeuert. Unser Blick geht direkt in Richtung Friedhof.

Unsere Einrichtung für zwei Personen macht den Raum kleiner. Da wir beide Arbeiten – ich mußte meine Lehrstelle aufgeben und als Ungelernter weiterarbeiten, da es keine Berufsausbildungsförderung gibt – und ansonsten viel unterwegs sind, dient der Raum fast nur zum Schlafen.

Ich kleide mich jetzt nicht mehr so auffällig und löse mich von den Subkulturen. Wir leben ziemlich gut zusammen, auch wenn sich unsere Interessen jetzt verschieben. Am Anfang dachten wir, das mit dem Sex wird problematisch, aber wir beide stören uns nicht an nächtlichen Geräuschen.

Der Einberufungsbefehl kommt unerwartet. Ich werde die Wohnung achtzehn Monate für mich alleine haben. Wir besprechen die Situation – Miete zahlt dann die NVA, da ich nur Untermieter bin. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es mit mir alleine aushalte. Da das Wandbett jetzt im Schrank verschwindet ist die Wohnung geräumiger. Ich tapeziere und malere die gesamte Wohnung neu – das habe ich von meinem Vater gelernt, der Polsterer, Tapezierer und Sattler ist.

Von einen Tag auf den anderen habe ich freigenommen und bereite gerade mein Frühstück zu. An der Wohnungstür sind Geräusche zu hören, das Klickern eines Schlüsselbundes und dann das knarrende Öffnen der Tür. Ich frage mich, wer das ist, trete in den Flur und sehe zwei Männer in ziviler Kleidung. Beide sehen mich kurz erschrocken an und geben sich dann als Kriminalpolizei aus. Ich frage nach einem Durchsuchungsbefehl und werde einfach zum nächstgelegenen Revier verbracht, wo ich mehrere Stunden ohne Antworten verbringen durfte. Das änderte sich auch nicht.

Im Briefkasten habe ich nun ein Schreiben vom Wehrkreiskommando gefunden – ich habe wohl vergessen, mich umzumelden.

Im angegebenen Gebäude finde ich das Dienstzimmer und klopfe an. Die Tür wird von einem Mann in Zivil geöffnet. Er ist vielleicht fünf Jahre älter als ich, fragt nach meinem Namen und bittet mich höflich herein. Ein zweiter schon älterer sitzt an einem Besprechungstisch und grüßt mich ebenfalls. Sie stellen sich als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit vor. Er bietet mir in dem schmucklosen Raum den Platz ihm gegenüber an. Ich setze mich und warte ab. Der Jüngere setzt sich mir gegenüber dazu und sie versuchen ein zwangloses Gespräch in Gang zu bringen.

Bei staatsbürgerlichen Pflichten fange ich an aufzuhorchen. Er fragte mich, ob ich Freunde oder Bekannte von Straftaten abhalten würde. Ja natürlich, war meine Antwort. Ob ich das Weiterleiten würde, war die nächste Frage. Natürlich nicht.

Sie lächeln mich an, verabschieden mich und sagen, wir melden uns wieder.

Es regnet, aber es ist nicht kalt. Mir schon.

 

 

 

under pressure

Ich arbeite in der Chausseestraße nicht weit vom Stadion der Weltjugend und der Mauer entfernt in einer Einkaufs- und Liefergenossenschaft. Eine Bekannte der Familie arbeitete ebenfalls dort. Ihr Mann ist im Gefängnis wegen Diebstahls von Volkseigentum. Sie war zwölf Jahre älter, etwas kleiner als ich und sehr attraktiv. Gelegentlich treffen wir uns, wenn sie ihre beiden Kinder bei einer Nachbarin unterbringen kann und wir so die Wohnung für uns alleine haben.

Es ist Feierabend und es klingelt und klopft an meiner Wohnungstür. Ah ja, den Herrn kenne ich bereits. In dem zweitürigen Trabant vor unserer Haustür muß ich umständlich auf der Rückbank Platz nehmen. Sie fangen wieder im Plauderton an und fragen mich, ob ich nicht lieber eine eigene Wohnung hätte.

Wir fahren ziellos umher und ich erzähle von dem Mann mit dem Volkseigentum. Ich weiß nicht mehr als sie – das war von vornherein klar.

Ich lehne ab und sie werfen mich am Rand der Stadt aus dem Auto.

Es regnet wieder und es ist bereits früh dunkel. Ich muß durch die halbe Stadt fahren, um wieder nach Hause zu kommen.

Ich lege alle meine Beziehungen auf Eis, um keine Angriffspunkte zu bieten und wechsle die Arbeitsstelle nach Oberschöneweide in das Werk für Fernsehelektronik. Ein staatlicher Betrieb, dem Ministerium für Inneres unterstellt und mit Betriebskampfgruppen. Egal, hier verdiene ich das Doppelte, der Arbeitsweg ist nicht so weit und ich lerne neue Leute kennen – Arbeitskollegen.

Sie kommen aus der ganzen Republik – Rostock, Erfurt und Schwerin. Einer war zuvor Hafenarbeiter und versucht sich mit meiner Unterstützung in Berlin zu orientieren. Wir treffen uns zu Spieleabenden in der Kneipe – Doppelkopf und Skat.

Ich fahre nach Schwerin, um meinen Mitbewohner, der noch keinen Urlaub erhalten hat, zu besuchen. Er leidet unter dem Drill bei der NVA und das ist ihm anzusehen.

Zurück in Berlin liegt eine weitere Vorladung vom Wehrkreiskommando im Briefkasten. Ich lege mir verschiedene Szenarien zurecht.

Unannehmbare Bedingungen.       

Ich stelle diese im Gespräch und die Gegenseite geht darauf ein.

Kurze Stille.

Damit habe ich nicht gerechnet.

Erste Bedingung: Ich entscheide über jede Kontaktaufnahme. Ich entscheide, was ich sage. Ich erschüttere nicht das Vertrauen anderer in mich.

Sie wollen keine Unterschrift von mir und entlassen mich.

Das nächste Mal als ich ins Wehrkreiskommando komme, habe ich bereits einen Einberufungsbefehl. Die Beiden sprechen vorwurfsvoll mit mir und fragen mich tatsächlich, ob ich bei der NVA als informeller Mitarbeiter mit dem Ministerium zusammenarbeiten will.

Ich entgegne: Sie haben doch gesehen, daß es nicht funktioniert.

Nein.

 

 

 

 

Prag

Wir fahren mit dem Zug, zwei Zelten und Schlafsäcken zur Eishockeyweltmeisterschaft nach Prag. Es ist der letzte Kurzurlaub vor der Zeit bei der NVA. Wir zelten direkt an der Moldau, ein wenig außerhalb der Stadt.  Als wir morgens das Zelt verlassen, schneit es. Wir stehen am Fluß und sehen dem ruhigen Wasser zu.

Die Duschen des Campingplatzes sind eiskalt – wie das Schwarzbier am gestrigen Abend in der Prager Altstadt.

Wir treffen bei dem Turnier viele aus West-Berlin und Westdeutschland, mit denen wir ins Gespräch kommen und die uns Tickets organisieren. Die tägliche Umtauschhöhe für Menschen aus Ost-Berlin ist begrenzt.

Wir sehen uns, waren meine letzten Worte zu einigen.

Ich reise allein zurück, weil ich am zweiten Mai zum Stellplatz muß, wo wir verladen werden.

Meine Oma hat mir von ihrer kargen Rente noch Schokolade gekauft, die sie mir mitgab. Ihr Mann, mein Opa, ist im Krieg gefallen. Bei ihr fand ich im Bücherschrank „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque – die Erstausgabe in Leinen gebunden. Dieser Schrank war eine reine Schatzkiste für mich – Kafka, Jules Verne und die Illias in Prosa, sowie ein Buch über die Afrikanische Kultur mit vielen Abbildungen.

Nachts um drei am Stellplatz angekommen, warten in Köpenick bereits Mannschaftswagen auf uns. Das Einladen geht via Namensaufruf zügig – es regnet.

Wir fahren zu einem Verladebahnhof und steigen in den Zug, der uns nach Eggesin oder Drögeheide bringt – ich bin den motorisierten Schützen zugeteilt. In Drögeheide steigen wir vormittags bei herrlichem Sonnenschein aus und begeben uns geschlossen in die Kaserne. Wir werden einzeln aufgerufen und auf die Kompanien verteilt. Aus einem Fenster eines Gebäudes ertönt „Live is life“ von Opus.

Ein paar Gesichter kenne ich aus Berlin.

In Zivil laufen wir über den Kasernenhof in Richtung Kleiderkammer. Wir holen alles ab, von der Uniform über den Stahlhelm bis zur Unterwäsche. Größe: 165 cm, Kleidergröße 44, Schuhgröße und so weiter.

Mit einer zu einem Sack verschnürten Zeltplane, in der alle Kleidungsstücke stecken, kehren wir in die Räume unserer Kompanie zurück.

Ich werde als Richtlenkschütze eingeteilt und muß vier Wochen später für ein halbes Jahr zur Ausbildung nach Eggesin.

Wir trainieren Grundfertigkeiten: das Säubern der Stube, Bohnern der Flure, Betten bauen und das Überwinden einer Eskaladierwand. Fünfmal die Woche üben wir zum Frühsport morgens den dreitausend-Meter-Lauf, um fit für das Frühstück zu sein. Ich bin nicht mal fit für diese Strecke, aber das kommt noch – da sind sich die Ausbilder sicher.

Das geht mit Waffenkunde und anderen Tätigkeiten jetzt vier Wochen so. Wir sind voll eingespannt. Ausgang gibt es im ersten Vierteljahr nicht.

Ich haben mir die Haare beim Regimentsfrisör auf drei Millimeter kürzen lassen, so wie die russischen Rekruten. Das mögen die Vorgesetzten in einer deutschen Armee überhaupt nicht.

In Eggesin sind die Bedingungen gleich. Das Thema Waffenkunde verschiebt sich noch auf schweres Panzermaschinengewehr, Panzerkanone und Panzerabwehrlenkrakete. Wir werden im übrigen Genosse Soldat genannt.

Nach einem halben Jahr beherrsche ich Mittel, um Menschen und Fahrzeuge kampfunfähig zu machen.

 

 

 

 

 

 

nichts mehr

Zurück in Drögeheide werde ich für das Leitfahrzeug im ersten Zug, der ersten Kompanie des dritten Battaillons eingesetzt. Das war ein Reservebattaillion in dem die Reservisten alle viertel Jahre wechselten und wir zur Stammbesatzung zählten.

Ich lerne meinen Schützenpanzer kennen.  Spitze Schnauze, kalter Stahl. Der Unterboden muß neu eingefettet werden, um das Rosten zu verhindern. Das mache ich zusammen mit dem Fahrer, den ich prinzipiell sympathisch finde. Ich lasse ihn in Ruhe, er läßt mich machen.

Regelmäßig laufen wir zum Schießübungsplatz, um im Dunkeln mit Leuchtspurmunition zu schießen oder mit Kanonen auf blecherne Panzerattrappen zu zielen. Wir testen sogar die Panzerabwehrlenkraketen, die so viel kosten wie ein Trabant.

Die Reservisten akzeptieren mich als Stubenältesten, obwohl ich gerade mal zwanzig Jahre alt bin.

Von einem Besuch bei einem guten Bekannten in einem anderen Bataillon komme ich nach dem Abendbrot zurück. Der Unteroffizier vom Dienst registriert es und läßt mich auf meine Stube. Die anderen kamen ebenfalls zu spät und mußten Strafübungen absolvieren. Ich wurde vom UvD ausgerufen und mußte in voller Kampfmontur im Flur vor dem Zimmer des Kompaniechefs antreten. Mein Zugführer kam dazu und befahl: Vollschutz!

Irritiert, weil auch aus allen Stubentüren die halbe Kompanie zusah, entrolle ich die Kunststoffrolle und ziehe den ABC-Schutzanzug an. Ich setze gemächlich meine Gasmaske auf und stehe dann wie befohlen auf dem Flur. Den Vorgesetzten ist das zu langsam. Ich muß alles wieder zusammenpacken und dann nochmal. Das ist Befehlsverweigerung, sagt ein Unteroffizier nach dem zehnten Mal in dieser Geschwindigkeit. Ich darf alles zusammenpacken und werde zu einem Gespräch in das Dienstzimmer beordert. Ich behaupte, es gäbe keine Dienstvorschrift für die Geschwindigkeit und behalte Recht.

Ich darf auf meine Stube.

Wir sind im Übungsgelände und bereiten einen Vorstoß auf den Gegner vor. Mein Fahrer nimmt mich zur Aufklärung mit und läuft weit voraus. Ich befinde mich im Hochsommer mitten auf einer dreißig Meter breiten Panzerstrecke. Zuckersand zwischen Nadelbäumen. Von der höchsten Erhebung der Strecke kommen überraschend fünf Schützenpanzer auf mich zu und ich kann nicht ausweichen. Sie fahren in V-Formation mit der Basis am Ende. Ich taxiere die Fahrzeuge und die Abstände, bewege mich ein paar Meter seitwärts und bin in eine Stabwolke gehüllt. Ich stehe starr in Erwartung des letzten Fahrzeuges. Die Staubwolke legt sich und mein Fahrer ruft herüber, ob es mir gut geht.

Ich muß drei Tage nachdienen, wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe – wir hatten uns einen Ausgang in Zivil erlaubt.

Meine WG existiert nicht mehr. Mein Partner hat eine Frau kennengelernt, die jetzt schwanger ist und eine größere Wohnung bekommen. Ich muß zu meiner Oma in eine Zweiraumwohnung.

Ich darf meine komplette Kleidung ersetzen, denn ich bin in den letzten achtzehn Monaten zwölf Zentimeter gewachsen.

Ich bin gerne bei meiner Oma. Sie selbst ist gar nicht so belesen, wie man anhand des Bücherschrankes meinen könnte. Er gehörte meinem Urgroßvater, der als Offizier mit der kaiserlichen Marine auf Expeditionsfahrten war. Selbst mit Robert Koch war er mal in den Subtropen unterwegs und hat aus Afrika Figuren aus Ebenholz mitgebracht.

Meine Oma kocht oft für mich, sie ist zufrieden, gebraucht zu werden. Ich begleite sie zu ihren Terminen und Einkäufen und freue mich über die Möglichkeit jetzt ab und zu mal im Intershop einkaufen gehen zu können. Mir gefallen die neuen Gerüche.

Da ich im Dreischichtsystem arbeite, bringe ich ihren Alltag etwas durcheinander.

Auf Arbeit werde ich in eine andere Brigade delegiert, in der ich jetzt auch mit Ex-Sträflingen zusammenarbeite. Mit der Einführung einer neuen Technologie kommen auch Japaner in das Kombinat und arbeiten mit uns zusammen.

Wir verständigen uns radebrechend mit Englisch oder mit Gesten.

Nachdem ich von der NVA zurückkam, stellte ich einen Ausreiseantrag. Der Mikrokosmos der Armee hat mit verdeutlicht in welchem Gefängnis ich mich befinde und wie es funktioniert. Der Sachbearbeiter vom Ministerium des Innern baute sich vor mir auf und meinte: Ich bin Tschekist.

Allgemeine Unzufriedenheit sei kein Ausreisegrund, dozierte er. Ich antwortete: Meine Unzufriedenheit sei eben sehr speziell.

Alle drei Wochen gehe ich jetzt hin und erkundige mich nach dem Fortschritt – Dokumente gibt es nicht.

Seit zwei Jahren steht die Welt für mich still und in mir reift ein Entschluß.

 

 

 

 

Vorbereitungen

Ich fahre nach Ungarn in das Dreiländereck und kläre mögliche Fluchtrouten auf. Das ist nicht einfach, denn die Karten, die zu erwerben sind, lügen im Grenzbereich. Ich mache keine Notizen, sondern speichere alles im Kopf ab.

In Budapest bleibe ich noch einige Tage auf einem Campingplatz. Abends setze ich mich vor mein Zelt und öffne eine Flasche roten Wein. Im Nachbarzelt wohnen zwei Studentinnen aus Halle. Sie gefallen mir und sie studieren Kunst. Gemeinsam sitzen wir im Schneidersitz zum Abendessen und trinken Wein dazu. Sie laden mich in ihr Zelt ein.

Zurück in Berlin spreche ich mit meinem kleinen Bruder, der ebenfalls Ambitionen hat. Wir verabreden einen gemeinsamen Urlaub und rüsten uns mit Campingutensilien aus.

Die Arbeitsbedingungen sind im Werk für Fernsehelektronik nicht überall so, wie sie sein sollten. Insbesondere der Arbeitsschutz läßt zu wünschen übrig. Nicht immer sind lederne Handschuhe vorrätig, die wichtig für die notwendige Reibung im Umgang mit Farbbildröhren sind. Ich spreche mit meinem Abteilungsleiter darüber – er weiß keine Antwort.

Als wiederholt die Bänder der Produktionsanlage stillstehen, fertige ich mir ein Pappschild, auf das ich mit weißer Kreide „Streik“ schreibe und setze mich auf ein Förderband in der Halle. Mein Abteilungsleiter sieht mich, als er morgens zur Arbeit erscheint und wird blaß.

Ich beantrage zusammen mit meinem Bruder Visa für Ungarn, Rumänien und Bulgarien – die klassische Rundreise im Osten.

Sie werden bewilligt.

Ende Mai fahren wir mit dem Zug nach Prag und dann weiter nach Ungarn. Wir haben uns einen Zeltplatz nahe Sopron ausgesucht, der auch nahe an der Grenze liegt – vermutlich.

Im Zug werden wir von der ungarischen Ausländerpolizei überprüft. Wir müssen das gesamte Gepäck auseinandernehmen und werden in Sopron in unterschiedliche Vernehmungszimmer geführt.

Interessiert betrachte ich an der Wand eine große Karte des Grenzverlaufs zum Burgenland.

Das Kartenstudium wird von der Stimme eines Beamten in Zivil unterbrochen. Was wollen Sie mit den Messern, fragt er mich. Ich erläutere, daß es sich um normale Campingausrüstung handelt.

Unvermittelt tritt er an die Karte und zeigt mit dem Finger auf das Burgenland. Hier wollen Sie doch hin, oder, fragt er provokativ. Ich antworte, daß ich es mir durchaus vorstellen könne, aber kein Visum dafür habe. Nach mehreren weiteren Fragen und Antworten läßt er mich gehen. Mein Bruder steht schon bereit.

Wir nehmen den Bus zum Campingplatz und bauen unser Zelt auf. Es ist schon spät und wir essen zu Abend. Ich schneide das Brot mit einem großen Messer.

Am folgenden Morgen begeben wir uns in das Gelände Richtung Burgenland und sehen schon von weitem die hölzernen Wachtürme. Wir laufen gedeckt und beobachten den Grenzverlauf. Dann sehen wir uns noch die restliche Gegend an, Essen etwas auf dem Zeltplatz und dösen vor uns hin.

Wir warten auf die folgende Morgendämmerung.

Wir steuern direkt auf die Grenzanlagen zu. Ein Maschendrahtzaun, ein Signalzaun, ein geharkter Sandweg aus Zuckersand und noch ein Zaun. Leider lösen wir ein Signal aus, überwinden aber alle Zäune und laufen direkt senkrecht zu den Grenzbefestigungen Richtung Westen. Auf einmal befinden wir uns mitten zwischen Rebstöcken und atmen auf. Wir laufen weiter westwärts und befinden uns nahe an einem Weg.

Aus der Böschung taucht ein ungarischer Grenzer auf, mit der Waffe im Anschlag.

Er bedeutet uns die Hände zu heben – ich sehe Angst in seinen Augen und er schießt eine Salve knapp über unsere Köpfe ab. Andere Grenzer und ein Mannschaftswagen kommen herbei, laden uns ein und transportieren uns zur nächsten militärischen Anlage. Dort erwartet uns bereits die Ausländerpolizei, die uns zurück zum Campingplatz bringt. Wir müssen unser Zelt abbauen und alle Sachen einpacken. Es geht weiter Richtung Bahnhof.

Dort werden wir ebenfalls erwartet. Sie könnten uns ja verstehen, sagt der Polizist in Zivil, der mich verhört hat, aber sie müssen nun mal ihren Dienst verrichten.

Wir bekommen einen Stempel in unsere Reisepässe und werden außerhalb von Sopron einfach neben den Gleisen abgesetzt.

 

 

 

 

Budapest

Wir wollen bis zum nächsten Bahnhof trampen, aber niemand nimmt uns mit. Wir laufen einen weiten Weg in der Gluthitze und erreichen schließlich nach zwanzig Kilometern den Fernbahnsteig in Fertöszentmiklos. Es dauert gar nicht lange bis ein Zug nach Budapest kommt. Wir steigen ein, setzen uns und beschließen zur Deutschen Botschaft zu gehen. Der Fahrkartenkontrolleur kommt und will unsere Fahrscheine sehen. Ich halte ihm die von der Hinfahrt hin, er schaut uns prüfend an, gibt sie mir zurück und geht weiter.

In Budapest angekommen fragen wir andere Deutsche aus dem Westen, wo sich die Botschaft befindet. Sie war nicht weit entfernt und wir konnten sie fußläufig erreichen.

Wir legen die Rucksäcke ab und ich klingele. Über die Gegensprechanlage schildere ich unsere Situation und begehre Einlaß. Wir sollen später noch einmal wiederkommen, sagt die Stimme.

In der Zwischenzeit nähern sich ungarische Polizisten unserer Position und kommen uns bedrohlich nahe.

Ich klingele nochmal und sage das Zauberwort: Asyl.                                                                        Die Tore öffnen sich automatisch und wir treten ein.

Im Dachboden des Gebäudes befindet sich bereits ein Schlafraum mit Feldbetten und anschließenden Bad. Wir werden dort hingeführt und gefragt, ob wir etwas Essen oder Trinken wollen. Außer uns sind noch sechs weitere in diesem Raum untergebracht.

Hier können wir offen sprechen.

Wir sprechen über unsere Fluchterfahrungen, die politische Lage in Ungarn und unsere Aussichten, direkt freizukommen.

Wir genießen hier das ungarische Essen, oft gibt es aber auch Einmannpackungen der Bundeswehr. Außer Abwarten und uns die Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten, bleibt vorerst nichts. Wir nutzen jede Gelegenheit, um uns im hinteren Bereich des Botschaftsgartens aufzuhalten.

Die Deutsche Botschaft ist in Verhandlungen mit der DDR-Botschaft.

Ich muß zum Zahnarzt und werde in einem diplomatischen Fahrzeug zum Zahnarzt der Botschaft gefahren. Eine solche Ausrüstung der Praxis, wie dort, habe ich im Osten noch nicht gesehen. Ich bekomme eine Krone im vorderen Bereich und kann wieder normal essen.

Es gibt Fortschritte bei den Verhandlungen. Die DDR bietet eine Ausreise über ihr Gebiet innerhalb eines halben Jahres an.

Die politische Situation in Ungarn ist unübersichtlich. Bei den kommenden Wahlen könnte die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei ihre Macht festigen. Ob das geschieht, läßt sich von hier aus nicht sagen. Für eine direkte Ausreise wäre das ein Hindernis.

Das Botschaftsgebäude füllt sich immer weiter mit Ausreisewilligen, bis schließlich keine Aufnahme mehr erfolgen kann – aus hygienischen Gründen.

Mein Bruder und ich lassen uns auf das Angebot ein.

Wir werden in Begleitung von Staatssicherheit nach Berlin ausgeflogen. Das ist mein erster Flug.

Nach der Ankunft ein kurzes Verhör und dann werden wir entlassen.

 

 

 

 

Laufzettel

Wir müssen einen Laufzettel abarbeiten, der bescheinigt, daß wir nirgendwo offene Verbindlichkeiten haben.

Jetzt heißt es wieder warten.

Die alte Arbeitsstelle gibt es für mich nicht mehr und auch keine Unterstützung.                            Ich fange in einer privaten Bäckerei mit fünf Minuten Arbeitsweg an. Der Meister ist froh, jemanden gefunden zu haben – auch wenn es nur temporär ist.

Meine Oma muß wegen Herzschmerzen ins Krankenhaus, wo sie ein paar Tage später stirbt. Ich habe die Wohnung jetzt allein und weine bitterlich.

 

 

 

 

 

 

 

Mehr als zehn Wochen vergehen so und wir beschließen, nach Prag in die Botschaft zu fahren – da ist noch Platz.

Mein Vater gibt uns noch etwas Geld und wir steigen in Ost-Berlin in den Zug Richtung Prag. Der Zug ist überfüllt und wir müssen im Gang stehen. Zwei junge Männer, etwas älter als wir, sprechen uns an und erzählen uns zu unserer Verwunderung unsere Geschichte. Die Beiden wären mir in der Budapester Botschaft aufgefallen. Wir erzählen, daß wir ein Wochenendtrip nach Prag machen, um uns die Stadt anzusehen und Schwarzbier im U Flecku zu trinken.

In Dresden steigen die Beiden aus und zeigen vor den anderen Zugreisen auf uns und rufen: Die beiden sind bei der Staatssicherheit. Dann verschwinden sie im Getümmel des Dresdner Hauptbahnhofs.

Der Zug fährt weiter.

In Prag auf dem Weg zur Botschaft kommen uns schon Menschenmassen entgegen und strömen zum Hauptbahnhof. Kurze Nachfrage: dort steht ein Zug nach Fulda für alle Botschaftsflüchtlinge bereit. Wir drehen um und laufen mit. Steigen in den Zug, der bald losfährt. In Fulda wohnt meine Patentante.

In Fulda werden wir einer Sicherheitsüberprüfung durch die Alliierten unterzogen. Da wir bereits aus der Botschaft bekannt sind, geht es bei uns schnell. Meine Tante kann ich noch nicht besuchen, denn unser Anschlußzug nach Kiel steht schon bereit. Von dort können wir dann nach West-Berlin fliegen, da wir dort Verwandtschaft haben. West-Berlin ist überfüllt.

Wir werden gut versorgt und müssen in einer großen Halle gemischt auf Feldbetten schlafen. Ein paar Tage später werden wir auf Flüchtlingsheime verteilt – ich habe bereits eine Arbeitsstelle gefunden.

Unser Zimmer ist nicht sehr groß – acht Quadratmeter für zwei Personen, aber es macht uns nichts aus.

Ich arbeite im Zwei-Schicht-System und stehe eines Abends an der Bushaltestelle auf dem Weg nach Hause. Ein Fahrzeug mit drei Insassen, einer auf der Rückbank, hält, und wir werden nach dem Weg gefragt.

Sie laden mich in das Auto ein, ich müsse ja nicht auf den Bus warten.

Ich lasse sie fahren – ohne mich.

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