Es ist Sommer

Das Wasser reicht schon fast bis zum Rand des Ruderbootes, aber immer noch will jemand zusteigen. Das Boot legt ab, ich sehe mich um und höre mich rufen, dass ich an Land will.

Allgemeines Missfallen hält mich nicht davon ab, endlich zu schreien, denn sollte das Boot untergehen, sind alle mit sich selbst beschäftigt – ich kann noch nicht schwimmen.

Das muss ich ändern. Ich beknie meine Eltern und meine Oma Gerda, mich zum Schwimmunterricht zu bringen. „Das lernst du in der Schule.“, sagt meine Mutter. Ich lasse es nicht gelten und quengele weiter, bis meine Oma Gerda zusagt.

Im Herbst habe ich dann die ersten Schwimmstunden im Lichtenberger Stadtbad. Im tiefen Wasser mit Schwimmring und Haltestange. Zuerst strample ich nur, aber dann schaue ich mir die anderen Kinder an und höre auf den Schwimmlehrer. Ich schwimme immer flüssiger und mache schnell Fortschritte, auch wenn ich mich noch oft am unteren Beckenrand mit dem Wasserüberlauf festhalten muss.

Meine Oma guckt von oben zu und freut sich über diese Ausflüge mit mir.

Jeden Winter fahren wir zusammen in den Urlaub, wo ich mit dem Schlitten fahren kann und schon erste Versuche mit Kinderski wage.

Nach einem halben Jahr kann ich jetzt allein schwimmen und wage mich das erste Mal auf den Sprungturm – Drei-Meter-Brett. Ich hatte gehört, dass man nicht wieder zurückdarf und unten warten schon andere Kinder. Ich gehe ganz nach vorne an die Brettspitze und schaue hinunter.  Ich mache mir fast in die Badehose, aber meine Oma nickt mir aufmunternd zu, so dass ich springen muss.

Ich halte die Luft an und bewege mich in dieselbe mit den Füßen voran. Das Wasser spritzt, ich tauche unter und versuche möglichst schnell zur Leiter am Beckenrand zu gelangen. Obwohl ich bereits über Wasser bin, wird mir die Luft knapp. Vor lauter nachträglicher Angst traue ich mich nicht einzuatmen, bis ich wieder oben am Beckenrand stehe.

Als der Schwimmunterricht endet, meldet mich mein Vater in einem Schwimmverein an, wo ich jetzt längere Strecken schwimmen muss und Rückenkraulen lerne.

Einmal in der Woche fahre ich allein, erst mit dem Bus und dann drei Stationen mit der S-Bahn. Später laufe ich dann noch eine Viertelstunde zwischen Laubwald und Zaun eines Betriebes vom Schwermaschinenbau zum Schwimmbad quer durch den Wald.

Mit meinem Vater war ich eine Schwimmbrille kaufen – trotzdem sind meine Augen nach der Stunde im Wasser immer noch chlor-gerötet. Ich liebe den Geruch von Chlor auf meiner Haut.

Die anderen Bahnen sind mit älteren Schwimmern des Vereins immer gut gefüllt – wir sind auf unserer Außenbahn meistens nur zu dritt, so dass die Schwimmtrainerin gezielter kritisieren und Eingreifen kann.

Eines Tages komme ich vom Schwimmtraining nach Hause und höre unsere junge Katze miauen. Ich schaue mich um und entdecke sie in fünf Meter Höhe in einer Birke des Nachbargrundstückes. Sie traut sich nicht mehr allein hinunter. Ich lege meinen Rucksack ab und klettere hinauf, höher als auf das Sprungbrett, setze Nina auf meine rechte Schulter, spüre ihre Krallen und steige wieder ab. Seitdem weicht sie mir kaum noch von der Seite.

Neben meiner Katze muss ich auch noch einen Vogel retten, der aus dem Nest gefallen ist. Nach Anweisung aus einem Buch füttere ich ihn mit Regenwürmen und Rührei, in das ich kleine Wollfäden gebe, und muss aufpassen, dass die Katze nicht eifersüchtig wird.

Unser einer Nachbar ist Alkoholiker und hat im Delirium seine leeren Flaschen vormittags auf unsere Freitreppe geworfen, wo sie zerschellten. Ich werfe die Scherben zurück auf sein Grundstück, vorsichtig und ohne mich zu schneiden.

Mein Vater spricht ein paar ernste Worte mit ihm und der Nachbar schenkt mir daraufhin als Wiedergutmachung eine Schnorchel-Ausrüstung mit Schwimmflossen, die ich tags darauf auch gleich in der Dahme ausprobiere. Bis zur Dahme sind es fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad, die über eine Zuckersandstrecke zwischen Kiefern führt. Das Schwimmbad ist im Sommer meistens sehr voll, so dass ich andere antauche.

Im Urlaub an der Ostsee kann ich in Rerik vor der Sandbank jetzt Krabben und andere Meereslebewesen durch die Schnorchel-Brille beobachten, ohne alle paar Minuten auftauchen zu müssen. Meine Eltern machen sich keine großen Sorgen mehr, wenn ich allein ins Wasser gehe.

Im Herbst werde ich eingeschult.

 

 

Ich wurde ein Jahr zurückgestellt – weil ich zu schmal und zu klein war. Jetzt komme ich mit sieben in die Schule.

Ich sitze in der zweiten Reihe am Fenster nach Süden, so wirft das Licht keinen Schatten auf meine Schrift, denn ich bin rechtshändig. Neben mir sitzt ein Mädchen, die Tochter einer Deutschlehrerin aus der Mittelstufe, sie hat gelockte blonde Haare.

Im letzten Diktat habe ich mit Absicht Fehler eingebaut, denn ich wollte wissen, wie man sich fühlt, wenn man eine Vier oder Fünf bekommt. Meine Lehrerin gibt mir die Arbeit unzensiert zurück und schaut mich böse an, als ich ihr erkläre, was und warum ich es tat.

In den Hofpausen spielen wir Tischtennis – Jungen und Mädchen gemeinsam. Von meinem Vater habe ich Schaumstoffreste bekommen, die ich auf meinen Schläger geklebt und am Rand abgeschnitten habe. Jetzt springt mein Ball viel besser und ist schneller als der, der anderen. Nur beim Anschneiden von Bällen gibt es Probleme, denn der Reibungswiderstand ist ein anderer als bei den Holzkellen mit Gumminoppen.

Mein Schulfreund wohnt gleich bei mir um die Ecke, wir haben die gleiche Bushaltestelle, um zur Schule zu kommen. Ihm gebe ich jetzt manchmal in der kleinen Pause Nachhilfe, denn wir sitzen neuerdings nebeneinander und ich bekomme mit, wo er Probleme im Schulstoff hat. Das Gute ist, ich lerne dabei gleich mit.

Meine Mutter will nicht, dass ich Zeit mit ihm verbringe, denn seine Familie ist eine Patchworkfamilie und ein Mitglied war schon mal im Gefängnis. Sie schlägt mir stattdessen andere „Freunde“ vor. Ich gehe nicht darauf ein und lasse alles wie gehabt, denn es tut mir gut.

Als unsere Klassen zur fünften Jahrgangsstufe in die Mittestufe aufgeteilt werden, interveniert meine Mutter, damit mein Freund in eine andere Klasse kommt – mit Erfolg. Ich verstehe es nicht, denn es gab keine Probleme – im Gegenteil. Wir sehen uns so seltener und ich stehe in der Klasse allein da.

In den nächsten Sommerferien fahre ich zu meiner jüdischen Oma. Sie und mein Opa Franz sind vor Kriegsende von Kattowitz nach Sachsen-Anhalt gezogen, wo mein Vater dann mit seinem Bruder aufwuchs. Sie sind beide schon über das Arbeitsleben hinaus.

In ihrem Ort gibt es ein Freibad und einen Kanal mit einem Wehr.

Sie wohnen im Erdgeschoss eines Fachwerkhauses mit Lehmausfachung, direkt gegenüber der Kirche. Die Toilette ist ein Plumpsklo im Hof, wo auch ein Schäferhund angekettet ist. Meistens ist er allerdings im Zwinger und bellt nur selten.

 

 

… ich schwebe mit den Bienen durch die blühenden Linden auf einer Wiese nahe dem Schwimmbad und es duftet nach Honig, obwohl sie gerade mal ihre Beintaschen mit den Pollen aufgefüllt haben. Wir fliegen zum alten Wehr und Oma Lene ruft mir hinterher, dass es gefährlich sei, dort zu Baden, aber ich höre sie schon nicht mehr und stürze mich aus vollem Flug in das Wasser des schmalen Kanals, der von der Bode aus die Felder entwässert und sich vor dem alten Wehr zu einem kleinen Becken erweitert. Schwimmen ist mindestens genauso schön wie Fliegen. Irgendetwas hindert mich am Fortkommen und zerrt an meiner linken Schulter. „Du musst aufwachen.““ Aber ich bin doch wach!“

„Wach endlich auf“, rüttelt es an mir.

Taumelnd und schlaftrunken stehe ich im Zimmer des kleinen mit Lehm ausgefachten Hauses, das in Reihe mit den anderen Gebäuden den Wirtschaftshof der verfallenden Burganlage mit der barocken Kirche gegenüber bildet und habe noch den Geruch des süßen Honigs in der Nase. Noch immer weiß ich nicht richtig, wo ich mich befinde, bis ich im Blinzeln das Gesicht von Opa Franz sehe. Es ist anders als sonst – ich sehe Angst in seinen Augen. „Du musst auf Oma Lene aufpassen, während ich zur Ortskrankenschwester laufe, um mit dem Krankenhaus zu telefonieren“, weist er mich ein.

Er schiebt mich sanft mit seinem dicken Bauch, der ihm in den Jahren, seit er nicht mehr seinem Beruf als Zimmermann nachgeht, gewachsen ist, in das hell erleuchtete Schlafzimmer, in welchem Oma auf der Bettkante sitzt, gestützt von dem Federbett und einem Kissen im Rücken. Sie ist käseweiß und die Vorderseite ihres geblümten Nachthemdes ist mit Spritzern aus Blut übersät, die in zunehmender Dichte und Intensität auf den weiß emaillierten Eimer zwischen ihren Beinen verweisen. Opa ist schon weg und sie schaut mich an und durch mich hindurch.

Ich muss aufpassen, dass sie nicht vom Bett rutscht oder zur Seite kippt. Ich hocke mich vor sie hin, weil ich ihr, neben ihr sitzend, nicht den nötigen Halt geben könnte und so schneller reagieren kann. Oma ist ganz leicht, kaum größer als ich und sieht einem Mädchen ähnlicher als einer Frau, wenn da nicht das Silber in ihrem Haar und die Falten in der Haut ihrer feinen Glieder wären.

Ich lehne meinen Rücken an die Türlaibung des schmalen Schlafzimmers das direkt in die Küche führt. Es ist so schmal, dass die Betten von Oma und Opa hintereinander parallel zur Wand stehen und von der Tür zum Fenster, das auf den Hof mit dem Plumpsklo in einem hölzernen Schuppen verweist, nur einen engen Lauf lassen und ich nur meinen Arm auszustrecken brauche, um das Knie von Oma Lene zu erreichen.

Ihre Augen sind offen, aber sie sieht mich nicht mehr.

Gestern war ich mit Opa Franz am alten Wehr, statt in der öffentlichen Badeanstalt und ich musste ihm versprechen, dass ich es Oma Lene nicht erzähle, weil sie sich sonst unnötige Sorgen machen würde. Als wir dann zum Mittag nach Hause kamen, hatte ich es schon wieder vergessen und Oma Lene überrumpelte mich mit einem forschenden Blick und der Frage, wie es am Kanal war. Sie kannte ihren Opa und ich weiß nicht einmal, ob ich sie anlügen könnte.

Ein Zucken geht durch ihre Brust, steigt in den Hals und öffnet ihren Mund, aus dem sich ein flüssiger Schwall mit von Blut durchsetzen Speisebrocken, in den vor ihr stehenden Eimer ergießt. Den Eimer ein Stück näher schiebend, wundere ich mich, dass so viel Blut in einen so kleinen Körper passt. Sie fasst mit ihren dünnen Fingern den Rand des Eimers und dann weiter meine Hand, die sie ganz festdrückt und schließlich umklammert, als wolle sie mir Mut machen und gleichzeitig auch Halt finden. Sie spricht mich an und sagt, „Das wird schon wieder“.

Die Trauer in ihren Augen widerlegt ihre Worte. Ich fühle mich beklommen und spüre, wie die Angst ganz langsam meinen Rücken hochkriecht und sich in mir breit machen will. Das kann ich nicht zulassen. Oma Lene braucht mich – sonst ist ja niemand hier. Ich schlucke sie hinunter, obwohl ich mich am liebsten selbst übergeben würde.

 

Omas Worte ergeben oft keinen Sinn mehr und die Zeit, bis Opa zurückkommt, erscheint mir endlos.

Die Ortskrankenschwester eilt auf Oma Lene zu und nimmt sie in Augenschein, während Opa, hinter mir, mit einem hilflosen Blick in der Tür steht.

Der mit blauer Leuchte und Sirene erschienene Notarzt nimmt sie mit einem Helfer auf die ineinander verschränkten Arme und transportiert sie so zum Krankenwagen, dessen Türen schon weit offenstehen.

Opa bleibt bei mir, denn er will mich mitten in der Nacht nicht allein lassen. Er weint und ich fühle nichts, weil ich vor fünfzehn Minuten mein Herz verschließen musste – es bleibt nur Leere.

Die Türen werden geschlossen und der Wagen rumpelt langsam über das Kopfsteinpflaster bis zur Straße und verschwindet mit immer kleiner werdenden blauen Leuchten in der Dunkelheit.

In der Nacht wirkt die alte, ungenutzte Kirche bedrohlich und wirft einen großen dunklen Schatten auf die Häuser und den blauschwarzen Hintergrund des Horizontes.

…der riesige Stachel und das böse Grinsen machen mir Angst. Das Wasser an der Schleuse glitzert in der Abendsonne rubinrot. Ich mag nicht mehr schwimmen und die Öffnung des Wehrs kommt mir wie das übergroße Maul eines alles verschlingenden Ungeheuers vor. Ich fürchte mich vor dieser Schwärze und zwinge mich aufzuwachen.

Noch ein Tag bleibe ich bei Opa, dann kommen meine Eltern, mein Onkel und meine Tante. Sie schicken mich aus dem Wohnzimmer damit ich ihre Tränen nicht sehe und fallen sich mit Wehgeschrei und Schluchzen in die Arme. Ich kann die Schatten undeutlich durch das Ornament des Glases der Tür sehen, fühle mich ausgeschlossen und weiß nichts mit mir anzufangen.

Später am Kaffeetisch folgt eine Unterhaltung über die Organisation der folgenden Tage und Belanglosigkeiten. Ich schaue meine Eltern an.

Ihre Augen sind offen, aber sie sehen mich nicht.

 

 

Der Wolf

Ich habe zu schwer gehoben und kann jetzt nicht mehr laufen. Mein Vater ruft die Rettungssanitäter, die mich untersuchen und eine Einweisung in das Krankenhaus vorbereiten – Leistenbruch. Meine Mutter will nicht, dass ich mit erwachsenen Männern auf einem Zimmer liege und organisiert, dass ich ein Einzelzimmer bekomme.

 Es ist der schmale Abstellraum der Station, in den gerade noch ein Bett passt, der Rest des Raumes dient ausrangierten Mobliliar.

 Ich liege mit den Füßen zum Fenster und dem Kopf zu Zimmertür.

Die Operation beginnt mit der Narkose. Der Anästhesist hält mir eine Maske über Nase und Mund und meint, ich solle von zehn an rückwärts zählen. Ich zähle bis eins und dann meint der Arzt zu mir: „Irgendwann musst du einatmen.“ Er hatte leider recht.

Ich wache auf einer fahrbaren Liege im Stationsgang wieder auf und sehe, wie eine Schwester die Tür zum Abstellraum öffnet. Die Schwester ist eine Nonne – es ist ein katholisches Krankenhaus, in dem auch meine Oma Gerda gearbeitet hat.

Ich liege jetzt allein mit meinem Buch über Metalle. Beim Lesen muss ich mich anstrengen, denn ich lese gegen das Licht und die Schwester hat das Deckenlicht ausgemacht.

Im Buch der Metalle, sind alle Metalle beschrieben. Mangan, wie es in Knollen auf dem Meeresboden vorkommt.Molybdän, das Stahl mit jedem Schlag härter und zäher macht. Aluminium, das aus Bauxit mittels Elektrolyse im Schmelzofen gewonnen wird. Wolfram, das so heißt, weil die Herauslösung aus dem Erz so schwierig ist und das Metall sich versteckt wie ein Wolf.

Ich bin versteckt wie ein Wolf.

Die Tür schlurft über das Linoleum, ich höre Geräuschen von anderen Patienten im Gang und die Krankenschwester kommt in mein Blickfeld. Sie hat einen Wagen mit Verpflegung dabei, aber für mich gibt es erst einmal nur ungesüßten Tee. Ich versuche einen Witz zu machen, aber da ich im Ansatz selbst lachen muss, vergeht mir dieser, weil meine Bauchdecke spannt und dabei weh tut.

Als die Tür das nächste Mal schlurft, schlurft ein älterer Herr mitherein. Er ist ungefähr so alt wie mein Vater und offensichtlich Patient. Er liegt auf der Inneren, sagt er. Das ist einfach die linke Seite des Stationsganges.

Er fragt mich, warum ich hier allein liege – in einer Abstellkammer. Ich antworte, „Weil meine Mutter nicht will, dass ich höre, was im Mehrbettzimmer gesagt wird.“ Er äußert Unverständnis und macht sich damit bei mir beliebt. Er wohnt auf der anderen Seite der Dahme in Wendenschloß, wo wir eine Familienbekanntschaft haben.

Am kommenden Tag darf ich schon wieder feste Nahrung zu mir nehmen. Im Buch ist jetzt Vanadium als ein Legierungselement für Stahl dran.

Der Mann kommt wieder und erzählt von seiner kleinen Jolle, mit der er über den Müggelsee segelt. Ich höre aufmerksam zu – alles, was mit Wasser zu tun hat, interessiert mich – angefangen bei Kapitän Nemo. Zu Hause male ich endlos Haie im Profil, weil mir die schlanke und kraftvolle Silhouette im Blau des Ozeans so gefällt.

Er erzählt, dass seine Frau Malerin ist und ein Atelier zufällig in dem Haus eines entfernten Teils unserer Familie hat. Das finde ich spannend. Zudem hat er zwei Töchter in meinem Alter.

Er verspricht mir, mit mir zusammen das Atelier seiner Frau zu besuchen, wenn ich wieder gesund bin.

 

Er kommt mich dann besuchen und stellt sich meinen Eltern vor. Wir fahren mit den Öffentlichen nach Baumschulenweg zum Atelier in einem Haus einer Tante von mir. In dem langen Flur, den wir betreten, hängt am Ende ein Bildnis in Öl eines dreizehnjährigen rothaarigen Mädchens mit bloßer Brust. Er benennt sie als eine seiner Töchter.

Am Ende des fünfzehn Meter langen Flures treten wir rechts in ein Zimmer. Es ist voll mit Bücherregalen, zwei Sesseln, einer Chaiselongue und einer Couch. Er bietet mir Kakao oder Tee an. Ich wähle Kakao.

Seine Frau, die Malerin, ist nicht anwesend.

Wir trinken Tee und Kakao und er fragt mich, welche Bilder mir im Zimmer gefallen. Ich antworte nicht, sondern Frage, wo die Malerin ist. Sie hätte sich verspätet und komme heute nicht mehr, antwortet er.

Er möchte sich ausruhen und legt sich auf das freie Sofa. Ob ich nicht dazukommen will, fragt er mich.

 

Ich zögere, aber er ist verständlich und warmherzig – ich lege mich zu ihm. Er bringt mich dann nach Hause, wo meine Eltern schon auf mich warten. Sie fragen nichts, sondern hören, was er sagt.

Das nächste Mal lädt er mich zum Kaffeetrinken mit seiner Familie in Wendenschloß ein – meine Eltern geben ihr okay. Ich freue mich bereits auf den Sommer mit der ersten Segeltörn mit ihm und seiner Familie.

Wir fahren mit der Fähre über die Dahme und begeben uns auf das Grundstück eines großen Hauses, die erste Querstraße rechts. Das großzügige Wohnzimmer im ersten Obergeschoss ist mit einem passend großen Tisch und einer Küchenzeile ausgestattet.  Seine Frau, die Malerin, und seine beiden Töchter sitzen bereits am gedeckten Tisch. Die Töchter von ihm gefallen mir.

Ich sitze mit Blick auf den Obstgarten und das Wasser der Dahme dahinter. Die Masten der Boote schunkeln, nach dem Vorbeifahren der Fähre.

Wir essen selbstgebackenen Pflaumenkuchen mit Streuseln, trinken Kakao und im Hintergrund läuft eine amerikanische Serie mit einem Grizzly – Westfernsehen. Die beiden Töchter sind auffallend still und wollen mir auch nicht ihre Zimmer zeigen, wie es normal wäre.

Es ist gemütlich und ungemütlich zugleich. Die Malerin würde ich gerne näher kennenlernen, aber sie sitzt am Kopfende – drei Stühle von mir entfernt.

 

Ein weiteres Mal zeigt er mir seine Arbeitswohnung mit großer Küche in Baumschulenweg. Er führt mich ins Schlafzimmer, wo gerade mal ein Doppelbett mit Nachtschränken hineinpasst. Ich sehe Illustrierte mit nackten Frauen und mir wird unheimlich und kalt. Ich zwänge mich an ihm vorbei, öffne die Wohnungstür und verschwinde aus dem Haus. Zufällig kommt gerade der Bus, in den ich einsteige und nach Hause fahre.

Er kommt mich mittags unter der Woche besuchen. Mein Freund und ich backen gerade Eierkuchen, als ich ihn von der Bushalte kommen sehe. Ich erzähle ihm kurz, dass ich das Fahrrad des Mannes beschädigt hätte und wir uns verstecken müssten.

Mein Freund vertraut mir und wir lassen ihn klopfen. Nach fünf Minuten verschwindet er wieder zur Bushaltestelle. Wir nehmen unsere Fahrräder, warten auf den Bus und fahren hinterher. Er steht am Heckfenster und sieht uns. Wir schneiden Grimassen und

gestikulieren, bis er außer Sichtweite ist. Der kommt nie wieder.

Ich bin gerade fünfzehn geworden und rebelliere in der Familie. Mir fehlte bisher der entscheidende Ausdruck für meine Grenzziehung. Ich fange bei dem Offensichtlichen an, in das mir keiner hineinreden kann. Meine Frisur und meine Kleidung gehören mir.

Meine Mutter ist nicht sehr glücklich damit, dass ich eigene Entscheidungen treffe. Vor allem, weil sie auch das Familienbild nach Außen betreffen. Das ist aber der Grund, denn somit mache ich die familiäre Enge sichtbar. Indirekt, aber konsequent. Wenn es hier Blüten gibt, dann hat es eine Ursache.

Seit neuestem habe ich einen Kassettenrecorder mit Radio, den mir ein Nenn-Onkel aus West-Berlin geschenkt hat. Ein Geheimtipp ist BFBS mit John Peels Music am Donnerstagabend. Die Zeit ist jetzt fest gebucht – mit „der Königin mit Rädern unten dran“ vom Palais Schaumburg zum Beispiel. So etwas gibt es im Osten nicht.

Hier gibt es den Jugendclub der Freien Deutschen Jugend, in dem ein Freund und ich öfter Tischtennis spielen, das ist aber auch das Einzige, was wir dort interessant finden, denn die ganzen politischen Symbole und Losungen hängen uns schon zum Hals raus – das ist nichts Neues.

Als ich mit Freunden im Kulturpark im Plänterwald bin, lerne ich ein Mädchen kennen – ein Jahr jünger, aber mit der gleichen Intention sich gegenseitig die Zunge in den Hals zu stecken. Später erfuhr ich von ihr, dass sie in Hamburg wohnt und mit ihren Eltern aus Ost-Berlin vor einem halben Jahr ausgezogen ist. Sie kann nur alle vier Wochen nach Ost-Berlin reisen – jetzt wird mir die Mauer das erste Mal schmerzlich bewusst.

Anderen bringt sie Platten, Buttons und Aufnäher mit. Ich verzichte bewusst darauf, denn ich will sie nicht ausnutzen. Dafür legt sie in einer Wohnung von ihren Familienfreunden eine Platte von Lou Reed auf und fängt an sich zu entkleiden – „we walk on the wild side“ klingt es und ich bewundere ihren jugendlichen Körper. Ich ziehe mich auch aus und lege mich zu ihr. Streicheln ja – mehr nicht. Ich fühle mich unbeholfen und glücklich zugleich.

Das nächste Mal fahren wir zusammen mit ihren Familienfreunden auf einen Zeltplatz an der Ostsee und teilen uns einen Schlafsack. Auf der Rückfahrt spüre ich großes Unbehagen, denn unsere Verbindung kann auf Dauer so nicht funktionieren. Wir haben keine Perspektive, denn ich kann sie nicht einmal besuchen und habe auch kein Telefon. Ich trenne mich von ihr und frage nicht, ob sie es versteht.

Durch die Besuche im Kulturpark und Jugendräumen der Evangelischen Kirche lerne ich jetzt die unterschiedlichsten Menschen kennen. Letztens kam ich in Kontakt mit jemanden, den ich objektiv als hässlich wahrnahm. Nach der dritten Begegnung und einigen Gesprächen verschwand mein erster Eindruck, als hätte er nie existiert. Wir hingen in besagten Räumen herum und hörten Musik. Ab und zu trat auch mal eine Undergroundband auf.

Die Polizei

Mittlerweile trat auch die Polizei auf den Plan, dabei sah ich noch ziemlich normal aus, aber eben nicht konform genug. Sie nahmen uns einfach von der Straße aus mit, wenn sie mit ihrem Fahrzeug an uns vorbeifuhren. Aus reiner Schikane. In der Schule blieb alles ruhig, bis auf ein paar gemeine Kommentare von einigen Lehrern. Obwohl ich ein sehr guter Schüler war, wurde mir gesagt, dass ich nicht zur Erweiterten Oberschule delegiert werde, um Abitur zu machen, „Schuld“ ist mein Elternhaus – katholisch-mit engen Beziehungen nach West-Berlin und Dänemark.

Mein Vater mischt sich im Auftrag meiner Mutter ein und verbrennt meine buntbemalte Jeans im Ofen der Zentralheizungsanlage. Am folgenden Tag ziehe ich Schlafanzughosen aus seinem Kleiderschrank an und gehe damit zu Schule, obwohl es mir selbst fast peinlich ist. Mein Vater rührte meine Sachen nie wieder an.

Dafür mischt sich jetzt der Abschnittsbevollmächtigte ein und konfisziert ein Hemd von mir, weil auf diesem eine selbstgemalte britische Flagge zu sehen ist und lässt mich mit freiem Oberkörper weitergehen. Das nächste Mal erscheint er bei mir zu Hause, um meinen Eltern ins Gewissen zu reden – mein Vater verweist ihn der Tür, da es familiäre Angelegenheiten seien.

Ich habe Freunde aus verschiedensten Bereichen der Subkultur und Schule. Ich fühle mich nie ganz einer Gruppe zugehörig, weil ich Gruppendynamiken misstraue und mich auch nicht vereinnahmen lassen will. Mein bester Freund und ich denken uns immer neue Kleidungsstile aus, nähen auch selbst, um nirgendwo konformistisch zu erscheinen. Wir verwenden Reiterhosen, Nonnencapes, Lederjacken usw. Besonders beeindruckt uns musikalisch die Radikalität der „Sex Pistols“. „A cheap holiday in other people’s misery! “ tönt es jetzt aus unseren Recordern (Holidays in the sun). Die fanden die Mauer auch befremdlich.

Von meiner Schwester lasse ich mir am Abend die Haare ausrasieren. Jetzt stehe ich vor der Schule und werde nicht eingelassen. Die Direktorin ist extra nach unten gekommen und weist mich mit den Worten: „So kommst Du hier nicht rein.“ ab. Drei Tage bleibe ich der Schule fern, muss aber erkennen, dass ich mich auf der kürzeren Seite des Hebels befinde. Ich bemühe meine Schwester erneut und sie rasiert mir alle Haare vom Kopf – besser sieht das auch nicht aus, aber ich kann zu Schule gehen, denn weitere Veränderungen meiner Frisur sind unmöglich. Das Ende vom Lied, ich werde nach den Russischprüfungen von der Schule relegiert – ohne Chance die restlichen Prüfungen abzulegen.

Da ich keine Lust verspüre, in einem staatlichen Betrieb zu arbeiten, organisiert mir mein Vater eine Stelle in einer Bäckerei, in der ich später auch meine Lehre beginnen kann.

Lehrausbildung

Mit dem ersten Sack Mehl kippe ich direkt nach hinten um, die Last ist einfach zu groß ohne die richtige Technik – er wiegt fünfzehn Kilo mehr als ich. Insgesamt ist es eine physisch sehr fordernde Arbeit, aber das schaffe ich. Die Kollegen sind nett, fordern mich aber auch. Mein Chef steckt mir mittlerweile sonnabends etwas Geld zu, weil er mit meiner Leistung sehr zufrieden ist. Die Arbeitszeit beginnt für mich morgens um fünf Uhr – von Dienstag früh bis Sonnabendmittag. Ich bin immer der letzte in der Backstube und darf jede einzelne Fliese mit einem Schaber sauberkratzen. Das gehört dazu. Als ich das erste Mal mit einem Brett voller Brote den Laden zur Lieferung betrete, rutschen diese mir fast in die Kuchen und Torten. Mit so einem großen Gewicht bin ich noch nicht standsicher und ausbalanciert.   

Wenn ich mit der Straßenbahn nach Hause fahre, schlafe ich regelmäßig ein und fahre eine Station zu weit – ich sollte mir einen Wecker einstecken, aber dann müssten die Bahnen auch pünktlich sein. Meine Familie freut sich, denn jetzt darf ich zum Wochenende immer so viel Schrippen mit nach Hause nehmen, wie wir brauchen – kostenlos. Von meinem Lohn bleiben mir allerdings nur zwanzig Prozent.

Dienstag früh, ich bin gerade beim Wirken der Schrippen, als die Polizei zur Hintertür der Backstube kommt und mich zum Mitkommen auffordert. Sechs Uhr morgens. Meine Kollegen sind irritiert und müssen meine Arbeit mitmachen.

Wir fahren los bis zur Keibelstraße – irgendetwas zwischen Kriminalpolizei, Staatssicherheit und Untersuchungsgefängnis in der Nähe vom Alexanderplatz.

Im Verhörraum sind zwei Tische zu einem T gestellt, ich sitze am Fußende des Buchstabens und hinter mir stehen zwei Personen in Zivil, so wie auch der, der mir gegenübersitzt. Die Gardinen sind zugezogen, so dass kein Licht von Straßenlaternen nach Innen dringt. Der Boden ist frisch gebohnert und bis auf einen Metallschrank gibt es keine weitere Einrichtung.

Ich werde ausgefragt, Name und Geburtsdatum, nach meinem Umfeld und persönlichen Verhältnissen. Irgendwann wusste ich, worum es geht. Bekannte hatten Wochen zuvor Graffiti gesprüht. Überdimensionale Anarchiezeichen und Losungen. Ich hatte davon gehört, war aber gerade zu dieser Zeit mit einer Grippe in meinem Bett beschäftigt, was ich so auch mitteile.

Wer war dabei, wollen die Staatsdiener wissen, während sie sich um den Stuhl kümmern, auf dem ich sitze – vorwärts, rückwärts kippeln und ihre Hände an meinen Schultern.

In einer kleinen Kammer am Ende des Flures habe ich Pause. Mir wird ein kleines Einweckglas mit einem gelben Tuch und verschiedene Kunststoffbeutelchen hineingereicht. Ich soll Haarproben von unterschiedlichen Stellen des Kopfes und eine Geruchsprobe von den Achseln abgeben.

Danach geht die Befragung weiter.

Zwischendrin öffnet sich die Tür zum Nebenraum und ein Mann berichtet, dass die anderen gestanden haben und reicht ein Papier hinein. Morgens um sechs Uhr werde ich entlassen, nachdem ich unter Aufsicht noch die Toilette aufsuchen darf. Mein Vater berichtet mir von einer Hausdurchsuchung und der Mitnahme von Schriftproben.

Ansonsten ist alles wie immer. Arbeit, Freunde und Bekannte, bis ich eines morgens zu Hause von der Polizei abgeholt werde. Obwohl ich Kniebeschwerden habe, werde ich in Gewahrsam genommen. Ich hatte vergessen, mich beim Wehrkreiskommando zwecks Musterung abzumelden – dabei war ich nicht einmal volljährig.

Nach einigen umständlichen Verrenkungen bittet die untersuchende Ärztin die Polizisten, mir die Handfesseln abzunehmen. Festgestellt werden eine außergewöhnliche Sehschärfe und ein sehr gutes Gehör. Im Besprechungsraum sitze ich dann einer kleinen Kommission gegenüber – Militär, Inneres und Staatssicherheit. Die fragen mich nach der Prozedur doch ernsthaft, ob ich mich nicht für drei Jahre verpflichten will.

Ich antworte, dass ich höchstens als Spatensoldat tauge.

Umzug

Mein Freund bekommt zu seinem 18. Geburtstag eine Wohnung vom Wohnungsamt zu gesprochen, da er zu Hause unter sehr beengten Verhältnissen leben muß – bei mir ist das leider nicht so. Wir gründen eine Zweier-WG in einer Einraumwohnung – ich darf allerdings erst mit achtzehn zu Hause ausziehen – meine Mutter beansprucht nimmer noch Kontrolle über mich.

Die Wohnung ist eine geteilte Wohnung mit Toilette eine halbe Treppe tiefer. Der direkte Nachbar sitzt nach unserer Information im Gefängnis. Zum Glück haben wir nicht nur einen Kohleofen, sondern auch eine Außenwandheizung, gasbefeuert. Unser Blick geht direkt in Richtung Friedhof.

Unsere Einrichtung für zwei Personen macht den Raum kleiner. Da wir beide Arbeiten – ich mußte meine Lehrstelle aufgeben und als Ungelernter weiterarbeiten, da es keine Berufsausbildungsförderung gibt – und ansonsten viel unterwegs sind, dient der Raum fast nur zum Schlafen.

Ich kleide mich jetzt nicht mehr so auffällig und löse mich von den Subkulturen. Wir leben ziemlich gut zusammen, auch wenn sich unsere Interessen jetzt verschieben. Am Anfang dachten wir, das mit dem Sex wird problematisch, aber wir beide stören uns nicht an nächtlichen Geräuschen.

Der Einberufungsbefehl kommt unerwartet. Ich werde die Wohnung achtzehn Monate für mich alleine haben. Wir besprechen die Situation – Miete zahlt dann die NVA, da ich nur Untermieter bin. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es mit mir alleine aushalte. Da das Wandbett jetzt im Schrank verschwindet ist die Wohnung geräumiger. Ich tapeziere und malere die gesamte Wohnung neu – das habe ich von meinem Vater gelernt, der Polsterer, Tapezierer und Sattler ist.

Von einen Tag auf den anderen habe ich freigenommen und bereite gerade mein Frühstück zu. An der Wohnungstür sind Geräusche zu hören, das Klickern eines Schlüsselbundes und dann das knarrende Öffnen der Tür. Ich frage mich, wer das ist, trete in den Flur und sehe zwei Männer in ziviler Kleidung. Beide sehen mich kurz erschrocken an und geben sich dann als Kriminalpolizei aus. Ich frage nach einem Durchsuchungsbefehl und werde einfach zum nächstgelegenen Revier verbracht, wo ich mehrere Stunden ohne Antworten verbringen durfte. Das änderte sich auch nicht.

Im Briefkasten habe ich nun ein Schreiben vom Wehrkreiskommando gefunden – ich habe wohl vergessen, mich umzumelden.

Im angegebenen Gebäude finde ich das Dienstzimmer und klopfe an. Die Tür wird von einem Mann in Zivil geöffnet. Er ist vielleicht fünf Jahre älter als ich, fragt nach meinem Namen und bittet mich höflich herein. Ein zweiter schon älterer sitzt an einem Besprechungstisch und grüßt mich ebenfalls. Sie stellen sich als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit vor. Er bietet mir in dem schmucklosen Raum den Platz ihm gegenüber an. Ich setze mich und warte ab. Der Jüngere setzt sich mir gegenüber dazu und sie versuchen ein zwangloses Gespräch in Gang zu bringen.

Bei staatsbürgerlichen Pflichten fange ich an aufzuhorchen. Er fragte mich, ob ich Freunde oder Bekannte von Straftaten abhalten würde. Ja natürlich, war meine Antwort. Ob ich das Weiterleiten würde, war die nächste Frage. Natürlich nicht.

Sie lächeln mich an, verabschieden mich und sagen, wir melden uns wieder.

Es regnet, aber es ist nicht kalt. Mir schon.

under pressure

Ich arbeite in der Chausseestraße nicht weit vom Stadion der Weltjugend und der Mauer entfernt in einer Einkaufs- und Liefergenossenschaft. Eine Bekannte der Familie arbeitete ebenfalls dort. Ihr Mann ist im Gefängnis wegen Diebstahls von Volkseigentum. Sie war zwölf Jahre älter, etwas kleiner als ich und sehr attraktiv. Gelegentlich treffen wir uns, wenn sie ihre beiden Kinder bei einer Nachbarin unterbringen kann und wir so die Wohnung für uns alleine haben.

Es ist Feierabend und es klingelt und klopft an meiner Wohnungstür. Ah ja, den Herrn kenne ich bereits. In dem zweitürigen Trabant vor unserer Haustür muß ich umständlich auf der Rückbank Platz nehmen. Sie fangen wieder im Plauderton an und fragen mich, ob ich nicht lieber eine eigene Wohnung hätte.

Wir fahren ziellos umher und ich erzähle von dem Mann mit dem Volkseigentum. Ich weiß nicht mehr als sie – das war von vornherein klar.

Ich lehne ab und sie werfen mich am Rand der Stadt aus dem Auto.

Es regnet wieder und es ist bereits früh dunkel. Ich muß durch die halbe Stadt fahren, um wieder nach Hause zu kommen.

Ich lege alle meine Beziehungen auf Eis, um keine Angriffspunkte zu bieten und wechsle die Arbeitsstelle nach Oberschöneweide in das Werk für Fernsehelektronik. Ein staatlicher Betrieb, dem Ministerium für Inneres unterstellt und mit Betriebskampfgruppen. Egal, hier verdiene ich das Doppelte, der Arbeitsweg ist nicht so weit und ich lerne neue Leute kennen – Arbeitskollegen.

Sie kommen aus der ganzen Republik – Rostock, Erfurt und Schwerin. Einer war zuvor Hafenarbeiter und versucht sich mit meiner Unterstützung in Berlin zu orientieren. Wir treffen uns zu Spieleabenden in der Kneipe – Doppelkopf und Skat.

Ich fahre nach Schwerin, um meinen Mitbewohner, der noch keinen Urlaub erhalten hat, zu besuchen. Er leidet unter dem Drill bei der NVA und das ist ihm anzusehen.

Zurück in Berlin liegt eine weitere Vorladung vom Wehrkreiskommando im Briefkasten. Ich lege mir verschiedene Szenarien zurecht.

Unannehmbare Bedingungen.       

Ich stelle diese im Gespräch und die Gegenseite geht darauf ein.

Kurze Stille.

Damit habe ich nicht gerechnet.

Erste Bedingung: Ich entscheide über jede Kontaktaufnahme. Ich entscheide, was ich sage. Ich erschüttere nicht das Vertrauen anderer in mich.

Sie wollen keine Unterschrift von mir und entlassen mich.

Das nächste Mal als ich ins Wehrkreiskommando komme, habe ich bereits einen Einberufungsbefehl. Die Beiden sprechen vorwurfsvoll mit mir und fragen mich tatsächlich, ob ich bei der NVA als informeller Mitarbeiter mit dem Ministerium zusammenarbeiten will.

Ich entgegne: Sie haben doch gesehen, daß es nicht funktioniert.

Nein.

Prag

Wir fahren mit dem Zug, zwei Zelten und Schlafsäcken zur Eishockeyweltmeisterschaft nach Prag. Es ist der letzte Kurzurlaub vor der Zeit bei der NVA. Wir zelten direkt an der Moldau, ein wenig außerhalb der Stadt.  Als wir morgens das Zelt verlassen, schneit es. Wir stehen am Fluß und sehen dem ruhigen Wasser zu.

Die Duschen des Campingplatzes sind eiskalt – wie das Schwarzbier am gestrigen Abend in der Prager Altstadt.

Wir treffen bei dem Turnier viele aus West-Berlin und Westdeutschland, mit denen wir ins Gespräch kommen und die uns Tickets organisieren. Die tägliche Umtauschhöhe für Menschen aus Ost-Berlin ist begrenzt.

Wir sehen uns, waren meine letzten Worte zu einigen.

Ich reise allein zurück, weil ich am zweiten Mai zum Stellplatz muß, wo wir verladen werden.

Meine Oma hat mir von ihrer kargen Rente noch Schokolade gekauft, die sie mir mitgab. Ihr Mann, mein Opa, ist im Krieg gefallen. Bei ihr fand ich im Bücherschrank „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque – die Erstausgabe in Leinen gebunden. Dieser Schrank war eine reine Schatzkiste für mich – Kafka, Jules Verne und die Illias in Prosa, sowie ein Buch über die Afrikanische Kultur mit vielen Abbildungen.

Nachts um drei am Stellplatz angekommen, warten in Köpenick bereits Mannschaftswagen auf uns. Das Einladen geht via Namensaufruf zügig – es regnet.

Wir fahren zu einem Verladebahnhof und steigen in den Zug, der uns nach Eggesin oder Drögeheide bringt – ich bin den motorisierten Schützen zugeteilt. In Drögeheide steigen wir vormittags bei herrlichem Sonnenschein aus und begeben uns geschlossen in die Kaserne. Wir werden einzeln aufgerufen und auf die Kompanien verteilt. Aus einem Fenster eines Gebäudes ertönt „Live is life“ von Opus.

Ein paar Gesichter kenne ich aus Berlin.

In Zivil laufen wir über den Kasernenhof in Richtung Kleiderkammer. Wir holen alles ab, von der Uniform über den Stahlhelm bis zur Unterwäsche. Größe: 165 cm, Kleidergröße 44, Schuhgröße und so weiter.

Mit einer zu einem Sack verschnürten Zeltplane, in der alle Kleidungsstücke stecken, kehren wir in die Räume unserer Kompanie zurück.

Ich werde als Richtlenkschütze eingeteilt und muß vier Wochen später für ein halbes Jahr zur Ausbildung nach Eggesin.

Wir trainieren Grundfertigkeiten: das Säubern der Stube, Bohnern der Flure, Betten bauen und das Überwinden einer Eskaladierwand. Fünfmal die Woche üben wir zum Frühsport morgens den dreitausend-Meter-Lauf, um fit für das Frühstück zu sein. Ich bin nicht mal fit für diese Strecke, aber das kommt noch – da sind sich die Ausbilder sicher.

Das geht mit Waffenkunde und anderen Tätigkeiten jetzt vier Wochen so. Wir sind voll eingespannt. Ausgang gibt es im ersten Vierteljahr nicht.

Ich haben mir die Haare beim Regimentsfrisör auf drei Millimeter kürzen lassen, so wie die russischen Rekruten. Das mögen die Vorgesetzten in einer deutschen Armee überhaupt nicht.

In Eggesin sind die Bedingungen gleich. Das Thema Waffenkunde verschiebt sich noch auf schweres Panzermaschinengewehr, Panzerkanone und Panzerabwehrlenkrakete. Wir werden im übrigen Genosse Soldat genannt.

Nach einem halben Jahr beherrsche ich Mittel, um Menschen und Fahrzeuge kampfunfähig zu machen.

nichts mehr

Zurück in Drögeheide werde ich für das Leitfahrzeug im ersten Zug, der ersten Kompanie des dritten Battaillons eingesetzt. Das war ein Reservebattaillion in dem die Reservisten alle viertel Jahre wechselten und wir zur Stammbesatzung zählten.

Ich lerne meinen Schützenpanzer kennen.  Spitze Schnauze, kalter Stahl. Der Unterboden muß neu eingefettet werden, um das Rosten zu verhindern. Das mache ich zusammen mit dem Fahrer, den ich prinzipiell sympathisch finde. Ich lasse ihn in Ruhe, er läßt mich machen.

Regelmäßig laufen wir zum Schießübungsplatz, um im Dunkeln mit Leuchtspurmunition zu schießen oder mit Kanonen auf blecherne Panzerattrappen zu zielen. Wir testen sogar die Panzerabwehrlenkraketen, die so viel kosten wie ein Trabant.

Die Reservisten akzeptieren mich als Stubenältesten, obwohl ich gerade mal zwanzig Jahre alt bin.

Von einem Besuch bei einem guten Bekannten in einem anderen Bataillon komme ich nach dem Abendbrot zurück. Der Unteroffizier vom Dienst registriert es und läßt mich auf meine Stube. Die anderen kamen ebenfalls zu spät und mußten Strafübungen absolvieren. Ich wurde vom UvD ausgerufen und mußte in voller Kampfmontur im Flur vor dem Zimmer des Kompaniechefs antreten. Mein Zugführer kam dazu und befahl: Vollschutz!

Irritiert, weil auch aus allen Stubentüren die halbe Kompanie zusah, entrolle ich die Kunststoffrolle und ziehe den ABC-Schutzanzug an. Ich setze gemächlich meine Gasmaske auf und stehe dann wie befohlen auf dem Flur. Den Vorgesetzten ist das zu langsam. Ich muß alles wieder zusammenpacken und dann nochmal. Das ist Befehlsverweigerung, sagt ein Unteroffizier nach dem zehnten Mal in dieser Geschwindigkeit. Ich darf alles zusammenpacken und werde zu einem Gespräch in das Dienstzimmer beordert. Ich behaupte, es gäbe keine Dienstvorschrift für die Geschwindigkeit und behalte Recht.

Ich darf auf meine Stube.

Wir sind im Übungsgelände und bereiten einen Vorstoß auf den Gegner vor. Mein Fahrer nimmt mich zur Aufklärung mit und läuft weit voraus. Ich befinde mich im Hochsommer mitten auf einer dreißig Meter breiten Panzerstrecke. Zuckersand zwischen Nadelbäumen. Von der höchsten Erhebung der Strecke kommen überraschend fünf Schützenpanzer auf mich zu und ich kann nicht ausweichen. Sie fahren in V-Formation mit der Basis am Ende. Ich taxiere die Fahrzeuge und die Abstände, bewege mich ein paar Meter seitwärts und bin in eine Stabwolke gehüllt. Ich stehe starr in Erwartung des letzten Fahrzeuges. Die Staubwolke legt sich und mein Fahrer ruft herüber, ob es mir gut geht.

Ich muß drei Tage nachdienen, wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe – wir hatten uns einen Ausgang in Zivil erlaubt.

Meine WG existiert nicht mehr. Mein Partner hat eine Frau kennengelernt, die jetzt schwanger ist und eine größere Wohnung bekommen. Ich muß zu meiner Oma in eine Zweiraumwohnung.

Ich darf meine komplette Kleidung ersetzen, denn ich bin in den letzten achtzehn Monaten zwölf Zentimeter gewachsen.

Ich bin gerne bei meiner Oma. Sie selbst ist gar nicht so belesen, wie man anhand des Bücherschrankes meinen könnte. Er gehörte meinem Urgroßvater, der als Offizier mit der kaiserlichen Marine auf Expeditionsfahrten war. Selbst mit Robert Koch war er mal in den Subtropen unterwegs und hat aus Afrika Figuren aus Ebenholz mitgebracht.

Meine Oma kocht oft für mich, sie ist zufrieden, gebraucht zu werden. Ich begleite sie zu ihren Terminen und Einkäufen und freue mich über die Möglichkeit jetzt ab und zu mal im Intershop einkaufen gehen zu können. Mir gefallen die neuen Gerüche.

Da ich im Dreischichtsystem arbeite, bringe ich ihren Alltag etwas durcheinander.

Auf Arbeit werde ich in eine andere Brigade delegiert, in der ich jetzt auch mit Ex-Sträflingen zusammenarbeite. Mit der Einführung einer neuen Technologie kommen auch Japaner in das Kombinat und arbeiten mit uns zusammen.

Wir verständigen uns radebrechend mit Englisch oder mit Gesten.

Nachdem ich von der NVA zurückkam, stellte ich einen Ausreiseantrag. Der Mikrokosmos der Armee hat mit verdeutlicht in welchem Gefängnis ich mich befinde und wie es funktioniert. Der Sachbearbeiter vom Ministerium des Innern baute sich vor mir auf und meinte: Ich bin Tschekist.

Allgemeine Unzufriedenheit sei kein Ausreisegrund, dozierte er. Ich antwortete: Meine Unzufriedenheit sei eben sehr speziell.

Alle drei Wochen gehe ich jetzt hin und erkundige mich nach dem Fortschritt – Dokumente gibt es nicht.

Seit zwei Jahren steht die Welt für mich still und in mir reift ein Entschluß.

Vorbereitungen

Ich fahre nach Ungarn in das Dreiländereck und kläre mögliche Fluchtrouten auf. Das ist nicht einfach, denn die Karten, die zu erwerben sind, lügen im Grenzbereich. Ich mache keine Notizen, sondern speichere alles im Kopf ab.

In Budapest bleibe ich noch einige Tage auf einem Campingplatz. Abends setze ich mich vor mein Zelt und öffne eine Flasche roten Wein. Im Nachbarzelt wohnen zwei Studentinnen aus Halle. Sie gefallen mir und sie studieren Kunst. Gemeinsam sitzen wir im Schneidersitz zum Abendessen und trinken Wein dazu. Sie laden mich in ihr Zelt ein.

Zurück in Berlin spreche ich mit meinem kleinen Bruder, der ebenfalls Ambitionen hat. Wir verabreden einen gemeinsamen Urlaub und rüsten uns mit Campingutensilien aus.

Die Arbeitsbedingungen sind im Werk für Fernsehelektronik nicht überall so, wie sie sein sollten. Insbesondere der Arbeitsschutz läßt zu wünschen übrig. Nicht immer sind lederne Handschuhe vorrätig, die wichtig für die notwendige Reibung im Umgang mit Farbbildröhren sind. Ich spreche mit meinem Abteilungsleiter darüber – er weiß keine Antwort.

Als wiederholt die Bänder der Produktionsanlage stillstehen, fertige ich mir ein Pappschild, auf das ich mit weißer Kreide „Streik“ schreibe und setze mich auf ein Förderband in der Halle. Mein Abteilungsleiter sieht mich, als er morgens zur Arbeit erscheint und wird blaß.

Ich beantrage zusammen mit meinem Bruder Visa für Ungarn, Rumänien und Bulgarien – die klassische Rundreise im Osten.

Sie werden bewilligt.

Ende Mai fahren wir mit dem Zug nach Prag und dann weiter nach Ungarn. Wir haben uns einen Zeltplatz nahe Sopron ausgesucht, der auch nahe an der Grenze liegt – vermutlich.

Im Zug werden wir von der ungarischen Ausländerpolizei überprüft. Wir müssen das gesamte Gepäck auseinandernehmen und werden in Sopron in unterschiedliche Vernehmungszimmer geführt.

Interessiert betrachte ich an der Wand eine große Karte des Grenzverlaufs zum Burgenland.

Das Kartenstudium wird von der Stimme eines Beamten in Zivil unterbrochen. Was wollen Sie mit den Messern, fragt er mich. Ich erläutere, daß es sich um normale Campingausrüstung handelt.

Unvermittelt tritt er an die Karte und zeigt mit dem Finger auf das Burgenland. Hier wollen Sie doch hin, oder, fragt er provokativ. Ich antworte, daß ich es mir durchaus vorstellen könne, aber kein Visum dafür habe. Nach mehreren weiteren Fragen und Antworten läßt er mich gehen. Mein Bruder steht schon bereit.

Wir nehmen den Bus zum Campingplatz und bauen unser Zelt auf. Es ist schon spät und wir essen zu Abend. Ich schneide das Brot mit einem großen Messer.

Am folgenden Morgen begeben wir uns in das Gelände Richtung Burgenland und sehen schon von weitem die hölzernen Wachtürme. Wir laufen gedeckt und beobachten den Grenzverlauf. Dann sehen wir uns noch die restliche Gegend an, Essen etwas auf dem Zeltplatz und dösen vor uns hin.

Wir warten auf die folgende Morgendämmerung.

Wir steuern direkt auf die Grenzanlagen zu. Ein Maschendrahtzaun, ein Signalzaun, ein geharkter Sandweg aus Zuckersand und noch ein Zaun. Leider lösen wir ein Signal aus, überwinden aber alle Zäune und laufen direkt senkrecht zu den Grenzbefestigungen Richtung Westen. Auf einmal befinden wir uns mitten zwischen Rebstöcken und atmen auf. Wir laufen weiter westwärts und befinden uns nahe an einem Weg.

Aus der Böschung taucht ein ungarischer Grenzer auf, mit der Waffe im Anschlag.

Er bedeutet uns die Hände zu heben – ich sehe Angst in seinen Augen und er schießt eine Salve knapp über unsere Köpfe ab. Andere Grenzer und ein Mannschaftswagen kommen herbei, laden uns ein und transportieren uns zur nächsten militärischen Anlage. Dort erwartet uns bereits die Ausländerpolizei, die uns zurück zum Campingplatz bringt. Wir müssen unser Zelt abbauen und alle Sachen einpacken. Es geht weiter Richtung Bahnhof.

Dort werden wir ebenfalls erwartet. Sie könnten uns ja verstehen, sagt der Polizist in Zivil, der mich verhört hat, aber sie müssen nun mal ihren Dienst verrichten.

Wir bekommen einen Stempel in unsere Reisepässe und werden außerhalb von Sopron einfach neben den Gleisen abgesetzt.

Budapest

Wir wollen bis zum nächsten Bahnhof trampen, aber niemand nimmt uns mit. Wir laufen einen weiten Weg in der Gluthitze und erreichen schließlich nach zwanzig Kilometern den Fernbahnsteig in Fertöszentmiklos. Es dauert gar nicht lange bis ein Zug nach Budapest kommt. Wir steigen ein, setzen uns und beschließen zur Deutschen Botschaft zu gehen. Der Fahrkartenkontrolleur kommt und will unsere Fahrscheine sehen. Ich halte ihm die von der Hinfahrt hin, er schaut uns prüfend an, gibt sie mir zurück und geht weiter.

In Budapest angekommen fragen wir andere Deutsche aus dem Westen, wo sich die Botschaft befindet. Sie war nicht weit entfernt und wir konnten sie fußläufig erreichen.

Wir legen die Rucksäcke ab und ich klingele. Über die Gegensprechanlage schildere ich unsere Situation und begehre Einlaß. Wir sollen später noch einmal wiederkommen, sagt die Stimme.

In der Zwischenzeit nähern sich ungarische Polizisten unserer Position und kommen uns bedrohlich nahe.

Ich klingele nochmal und sage das Zauberwort: Asyl.                                                                        Die Tore öffnen sich automatisch und wir treten ein.

Im Dachboden des Gebäudes befindet sich bereits ein Schlafraum mit Feldbetten und anschließenden Bad. Wir werden dort hingeführt und gefragt, ob wir etwas Essen oder Trinken wollen. Außer uns sind noch sechs weitere in diesem Raum untergebracht.

Hier können wir offen sprechen.

Wir sprechen über unsere Fluchterfahrungen, die politische Lage in Ungarn und unsere Aussichten, direkt freizukommen.

Wir genießen hier das ungarische Essen, oft gibt es aber auch Einmannpackungen der Bundeswehr. Außer Abwarten und uns die Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten, bleibt vorerst nichts. Wir nutzen jede Gelegenheit, um uns im hinteren Bereich des Botschaftsgartens aufzuhalten.

Die Deutsche Botschaft ist in Verhandlungen mit der DDR-Botschaft.

Ich muß zum Zahnarzt und werde in einem diplomatischen Fahrzeug zum Zahnarzt der Botschaft gefahren. Eine solche Ausrüstung der Praxis, wie dort, habe ich im Osten noch nicht gesehen. Ich bekomme eine Krone im vorderen Bereich und kann wieder normal essen.

Es gibt Fortschritte bei den Verhandlungen. Die DDR bietet eine Ausreise über ihr Gebiet innerhalb eines halben Jahres an.

Die politische Situation in Ungarn ist unübersichtlich. Bei den kommenden Wahlen könnte die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei ihre Macht festigen. Ob das geschieht, läßt sich von hier aus nicht sagen. Für eine direkte Ausreise wäre das ein Hindernis.

Das Botschaftsgebäude füllt sich immer weiter mit Ausreisewilligen, bis schließlich keine Aufnahme mehr erfolgen kann – aus hygienischen Gründen.

Mein Bruder und ich lassen uns auf das Angebot ein.

Wir werden in Begleitung von Staatssicherheit nach Berlin ausgeflogen. Das ist mein erster Flug.

Nach der Ankunft ein kurzes Verhör und dann werden wir entlassen.

Laufzettel

Wir müssen einen Laufzettel abarbeiten, der bescheinigt, daß wir nirgendwo offene Verbindlichkeiten haben.

Jetzt heißt es wieder warten.

Die alte Arbeitsstelle gibt es für mich nicht mehr und auch keine Unterstützung.                            Ich fange in einer privaten Bäckerei mit fünf Minuten Arbeitsweg an. Der Meister ist froh, jemanden gefunden zu haben – auch wenn es nur temporär ist.

Meine Oma muß wegen Herzschmerzen ins Krankenhaus, wo sie ein paar Tage später stirbt. Ich habe die Wohnung jetzt allein und weine bitterlich.

Mehr als zehn Wochen vergehen so und wir beschließen, nach Prag in die Botschaft zu fahren – da ist noch Platz.

Mein Vater gibt uns noch etwas Geld und wir steigen in Ost-Berlin in den Zug Richtung Prag. Der Zug ist überfüllt und wir müssen im Gang stehen. Zwei junge Männer, etwas älter als wir, sprechen uns an und erzählen uns zu unserer Verwunderung unsere Geschichte. Die Beiden wären mir in der Budapester Botschaft aufgefallen. Wir erzählen, daß wir ein Wochenendtrip nach Prag machen, um uns die Stadt anzusehen und Schwarzbier im U Flecku zu trinken.

In Dresden steigen die Beiden aus und zeigen vor den anderen Zugreisen auf uns und rufen: Die beiden sind bei der Staatssicherheit. Dann verschwinden sie im Getümmel des Dresdner Hauptbahnhofs.

Der Zug fährt weiter.

In Prag auf dem Weg zur Botschaft kommen uns schon Menschenmassen entgegen und strömen zum Hauptbahnhof. Kurze Nachfrage: dort steht ein Zug nach Fulda für alle Botschaftsflüchtlinge bereit. Wir drehen um und laufen mit. Steigen in den Zug, der bald losfährt. In Fulda wohnt meine Patentante.

In Fulda werden wir einer Sicherheitsüberprüfung durch die Alliierten unterzogen. Da wir bereits aus der Botschaft bekannt sind, geht es bei uns schnell. Meine Tante kann ich noch nicht besuchen, denn unser Anschlußzug nach Kiel steht schon bereit. Von dort können wir dann nach West-Berlin fliegen, da wir dort Verwandtschaft haben. West-Berlin ist überfüllt.

Wir werden gut versorgt und müssen in einer großen Halle gemischt auf Feldbetten schlafen. Ein paar Tage später werden wir auf Flüchtlingsheime verteilt – ich habe bereits eine Arbeitsstelle gefunden.

Unser Zimmer ist nicht sehr groß – acht Quadratmeter für zwei Personen, aber es macht uns nichts aus.

Ich arbeite im Zwei-Schicht-System und stehe eines Abends an der Bushaltestelle auf dem Weg nach Hause. Ein Fahrzeug mit drei Insassen, einer auf der Rückbank, hält, und wir werden nach dem Weg gefragt.

Sie laden mich in das Auto ein, ich müsse ja nicht auf den Bus warten.

Ich lasse sie fahren – ohne mich.

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