Zwischenraum

oder Unmöglichkeit des Seins

Prolog

Wir sahen uns das erste Mal in einer Konfliktsituation zweier Parteien nicht lange nach der Wiedervereinigung, die sich aber schnell entspannte. Sie gehörte zur Gegenpartei.

An der Bar orderte ich einen Drink und sie ließ mich wissen, dass der Platz neben ihr frei sei. Wir kamen ins Gespräch, lachten und hatten gegenseitig Sympathie füreinander. Sie sprach sogar sehr schnell von Seelenverwandtschaft.

Wir gingen hinaus um etwas unter uns zu sein – ihr fröstelte in ihrem lindgrünem Langarmshirt und ich legte ihr meine Lederjacke um die Schultern. Sie sprach von Ritterlichkeit und war sehr angetan. Wir liefen ein paar Meter zusammen, sie gab mir schließlich ihre Telefonnummer und ging nach Hause – nur wenige Meter entfernt befand sich die Wohnung ihrer Familie.

Zu dieser Zeit arbeitete ich als Bauhilfsarbeiter – sie machte Abitur. Elf Jahre Unterschied, aber es schien ihr nichts auszumachen – im Gegenteil.

Drei Tage später rief ich sie an, um ein Date auszumachen und witzelte, dass ich sie eigentlich noch etwas zappeln lassen wollte, um das Gespräch aufzulockern. Ich selbst hatte noch kein Telefon, so dass ich eine Telefonzelle aufsuchen musste. Die Erreichbarkeit hatte eine klare Richtung.

Ich holte sie an einer Straßenbahnhaltestelle ab und hatte bereits ein Restaurant ausgemacht, in dem wir etwas Essen könnten. Asiatisch an der Frankfurter Allee nicht weit vom S-Bahnhof entfernt.

Sie bestellte einen Salat und ich etwas mit Nudeln und Huhn. Auf meine Frage, wie denn der Salat sei, antwortete sie: Insgesamt ganz gut, nur das Dressing gefalle ihr nicht. Ich schlug vor, den Kellner zu rufen, um eine Änderung herbeizuführen.

 Sie meinte daraufhin abwehrend: Lass doch –  denn ich war gerade im Begriff es zu tun. Verwundert schaute ich sie an, der Kellner kam und ich gab ihre Kritik weiter. Die Küche konnte abhelfen und sie war zufrieden.

Sie schlug vor, zu mir zu gehen.

Kapitel I

Ganz einem Date gemäß, hatte sie ein kurzes schwarzes Kleid mit knöchelhohen Schuhen und schwarzen Strümpfen bis unter das Kleid an. Ihre hennaroten Haare fielen mit kleiner, voluminöser Dauerwelle bis über ihre Schultern und ließen ihr Gesicht kaum frei. Sie war einen Kopf kleiner als ich.

Ich wollte meinen Arm um ihre Schulter legen, aber sie machte sich steif.

Wir gingen zu meiner Wohnung im Friedrichshain am Boxhagener Platz.

Dort angekommen erklommen wir die vier Treppen zu meiner Wohnung im Hofgebäude. Ein Zimmer mit großer Küche und einem kleinen WC im Abstellraum der Küche. Ich führte sie kurz durch die Wohnräume und sie fragte erstaunt, wozu ich denn einen Schreibtisch bräuchte. Ich erläuterte, dass ich mich gerade in eine Umbruchphase befände und mit dem Abitur als Fernabitur begonnen hätte.

Sie nahm im Sessel gleich links hinter der Tür des Wohnzimmers Platz, ich fragte sie nach einem Getränkewunsch und bereitete dann heißen Pfefferminztee für sie zu – ohne Zucker.

Gegenüber von ihr nahm ich Platz. Sie trank vom Tee und sagte anerkennend, dass sie es gut findet, wie ich einen Teil der Schrankwand als andere Möbel verwende – den kleinen Tisch zum Beispiel, der zuvor ein Einsetzmodul in der Schrankwand war. Sie stellte ihren Tee dort ab und begann zu reden.

Sie begann mit ihrer letzten Beziehung und meinte, dass sie ihren EX-Freund immer noch liebe – tonlos und mit hohen Schultern erzählte sie von dieser Liebe und ich hörte ihr zu.

Ihr Ex-Freund habe sie geschlagen und vergewaltigt, sei jetzt Alkoholiker und habe nach verschiedenem Fremdgehen eine Gonorrhö angeschleppt.

Sie müsse bei ihrem Vater in der Wohnung im Durchgangszimmer schlafen und hatte somit kaum Privatsphäre – erzählte sie zusammenhanglos. Ich konnte diese letzte Situation sehr gut nachvollziehen, denn mir erging es für zwei Jahre bei meinen Eltern ähnlich. Gerade für Teenager ist so etwas eine sehr belastende Situation, die ich auch so empfand und eben deshalb sehr gut nachvollziehen konnte.

Ich fragte, weshalb sie das Verhalten ihres EX-Freundes nicht zur Anzeige gebracht hat – kurze Stille. Ich war perplex und mir fehlten die Worte.

Sie meinte weiter, ihre Mutter hätte sich in der Psychiatrie das Leben genommen als sie zwölf Jahre alt war und ihr Vater sei betrunken gemein zu ihr. Sie bewundere ihre Mutter für ihre Tat und wolle aber ihren Vater nicht im Stich lassen. Sie selbst sei bei einem Psychiater gewesen, der habe ihr aber nicht helfen können – stattdessen fragte sie ihn aus – erzählte sie stolz.

Ihr Vater – ein ehemals hoher SED-Kader – jetzt arbeitslos und alkoholkrank fände keine neue Frau.

Ich stand auf und ging zu ihrem Sessel, setzte mich auf die Lehne und wollte sie in den Arm nehmen – sie zog die Schultern höher und wendete den Kopf ab.

Ich ging zurück, setzte mich wieder und fragte, ob sie noch etwas trinken wolle. Ja, Pfefferminztee – Alkohol tränke sie generell nicht, als ich Roten Wein vorschlug.

In der Küche war ich erst einmal konsterniert und wusste mit der Situation nicht viel anzufangen. Einerseits hatte sie sich sehr sexy gekleidet und schlug selbst vor, in meine Wohnung zu gehen, andererseits war sie unnahbar und ich empfand Mitleid – richtiger ich war verstört und meine Hände zitterten beim Aufguss.

Sie meinte dann zu mir, ich müsse ihr dabei sagen, dass sie wunderschön sei und ich müsse alles geben, verkroch sich aber gleichzeitig tiefer in ihren Sessel.

Sie erklärte weiter, wie sie in Beziehungen agiert beziehungsweise reagiert. Es könne durchaus vorkommen, dass ihr in Konfliktsituationen die Hand ausrutsche oder das sie sich einfach wegdrehe und ich etwas Bestimmtes zu ihr sagen müsse. Was denn?, fragte ich. Darauf folgte nur Schweigen. Sie gehe oft spazieren meinte sie später, wenn sie es zu Hause nicht aushält. Ihre Mitschüler würden sie garstig nennen, erzählte sie weiter zusammenhanglos – jedenfalls für meine Ohren zusammenhanglos.

Übergangslos fragte sie mich, ob ich Frauen schlagen oder vergewaltigen könne – Nein! -verdammt.

Ich kam gar nicht dazu, einen Dialog mit ihr zu führen und wusste auch nicht mehr, was sie erwarten würde – ich erwartete nichts mehr.

Am Ende waren wir beide erschöpft. Ich brachte sie zu einem Taxi und gab dem Fahrer das Geld für die Fahrt.

Ich hatte niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte….

Kapitel II

Ich selbst hatte mit einer Missbrauchs Erfahrung zu kämpfen – ich war zwölf und der Täter eine ranghoher Stasioffizier. Ich konnte es letztlich abwehren, aber das Trauma blieb irgendwie erhalten und definierte auch mein sensibles Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht.

Zwei Tage später rief ich sie an und sagte, dass mich die ganze Sache überfordern würde und ich Zeit zum Nachdenken bräuchte. Sie erwiderte, ich würde sie in dieser Zeit sicher vergessen. Daraufhin sagte ich, das würde ganz sicher nicht passieren, aber irgendwie wickelte sie mich um den Finger und ich stimmte einem zeitnahen erneuten Date zu.

Wir verabredeten einen gemeinsamen Kinobesuch und trafen uns am Frankfurter Tor. Sie erklärte, dass sie selten einen Rucksack vor der Dunkelheit trage, aber in dieser speziellen Situation, wo sie ein Geschenk für mich dabeihabe, müsse es wohl sein. Wir spazierten die Frankfurter Allee entlang Richtung Alexanderplatz.    Unvermittelt fragte sie, ob ich wüsste, wie es die Schweine machen…

Ich blieb stehen – sie ging weiter. Ich war im Zwiespalt, lasse ich sie jetzt einfach gehen oder hole ich sie wieder ein. Jetzt war ich es, der dachte, ich könne sie ja nicht im Stich lassen, nachdem sie das von ihrer Mutter erzählt hatte. Ich war sprachlos.

In der S-Bahn hielt sie mir ihren Mund entgegen, aber ich konnte die Distanz nicht mehr überwinden. Ich wusste nicht, wie weit ich mich darauf einlassen könnte, ohne selbst Schaden zu nehmen. Nach dem Kinobesuch waren wir im Nikolaiviertel unterwegs, wo sie mir das Geschenk zeigte. Sie hatte bemerkt, dass ich keine Rotweingläser zu Hause habe und wollte mir diese schenken. Gemeinsam könnten wir diese wohl nicht einweihen, meinte ich, da sie keinen Alkohol tränke. Wieder fehlte ein konsistenter Dialog.

Zu Hause legte ich einen Film in den Videorecorder – etwas Lustiges. Sie schien aber gar nicht so interessiert. Ich setzte mich auf den Fußboden und nutzte ihren Sessel als Lehne. Ich bedeutete ihr, mich zu mir auf den Boden zu setzten. Sie tat es. Ich wollte sie in den Arm nehmen, um ihr Halt zu geben, aber sie wehrte wiederholt ab – sperrte sich richtig. Später meinte sie, ich müsse sie überrumpeln, um Sex mit ihr zu haben, dabei wollte ich nur ihre Nähe.

Ich schlief schlecht und wurde gewahr, was ich vieles verdrängt hatte, ohne je offen darüber sprechen zu können.

Kapitel III

Zum Nächsten Date holte ich sie zu Hause ab. Ihr Vater war promovierter Philologe, wie ich am Klingelschild erkennen konnte.

Wie gingen in die Eierschale – eine Nachtbar in Berlin-Treptow.  Wir hatten einen zwanglosen Dialog – es war angenehm. Auf dem Rückweg, die Puschkinallee entlang unter Platanen zu mir, kam sie auf die Idee ein Gebüsch entlang des Weges aufzusuchen und in der Dunkelheit dahinter zu verschwinden. Ohne Vertrautheit mochte ich so etwas nicht. Sie sprach dann noch davon, dass sie das nächste Mal ein Buch über Kamasutra Stellungen mitbringen wolle.

Ich gab mir Mühe. Das nächste Mal spielten wir Dart bei mir. Sie machte dann das Licht aus, war aber immer noch sperrig – ich kann so nicht.

Beim letzten Telefonat fragte sie, ob sie eine Flasche Wein und ihre Freundin mitbringen solle. Ich sagte klar, warum nicht – aber daraus wurde nichts.

Epilog

Noch einmal telefonierte ich mit ihr. Sie fragte hochmütig, ob sie aus Mitleid mit mir zusammen sein solle und dass sie etwas erzwingen wollte…

Mir war klar, dass sich Nähe nicht erzwingen lässt. Sie konnte sich nicht überwinden – und ich durfte sie nicht überwinden. So etwas durfte sie nicht verlangen. Dass ich es nicht tat, war keine Schwäche, sondern die einzige Möglichkeit integer zu bleiben.

Die Überforderung mündete in einem Suizidversuch. Eine Psychologin meinte nur lapidar: „Ich sei eben schizoid.“ (was nicht stimmte) Das war alles.

Ich schrieb ihr ein paar schonungslose Briefe, da ich niemanden hatte, dem ich mich anvertrauen konnte, und traf sie zufällig noch einmal – sie sah mich erschrocken an und rannte davon.

Bekannte, die sie kannten, feindeten mich an. Bis vor kurzem – nach dreißig Jahren – schädigten sie und andere Unbekannte weiterhin meinen Ruf, ohne dass ich es direkt erfuhr und versuchten subtil, mich in eine Richtung zu lenken. Ich frage mich, was sie anderen erzählt hatte?

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Sommerintermezzo

„Handle stets so, dass sich deine Möglichkeiten erweitern“

frei nach Heinz von Foerster

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(Text zwanzig Jahre zuvor)

An einem Samstagabend im Spätsommer war ich mit Freunden unterwegs, um einer Bar einen Besuch abzustatten in der einige von ihnen eine Woche zuvor angegriffen wurden. Wir wollten den Aggressoren eine Lektion erteilen. Ich ging als erster hinein, erkundete die Lage und stellte eine größere Gruppe Jugendlicher im Billiardbereich zur Rede. Alle stritten ab, etwas damit zu tun zu haben und aufgrund der schlechten Beleuchtung eine Woche zuvor war dann auch keiner von denen identifizierbar.

Wir gaben uns damit zufrieden und nahmen noch einen Drink in der zweiten Reihe der vollbesetzten Bar.

Als ein Hocker frei wurde nahm ich, ohne jemanden zu fragen, einfach Platz – mein Adrenalinspiegel war wohl noch ziemlich hoch. Rechts neben mir saß eine Frau mit einer voluminösen, kräuseligen, roten Dauerwelle. Eine Frisur hinter der man sich gut verstecken kann. Sie gefiel mir. Wir sprachen an der Bar über existenzielle Dinge des Lebens und es fielen Begriffe wie Seelenverwandtschaft. Als Verächter des Smalltalks tat ich mich sonst schwer mit Frauen bei solchen Gelegenheiten in Kontakt zu kommen – ich hielt es für verschwendete Zeit. Aber jetzt saß sie ja neben mir und wir hatten reichlich Gesprächsstoff.

Nachdem sich meine Freunde, besorgt um meine Sicherheit, von mir verabschiedet hatten, schlug sie einen Spaziergang vor. Ich willigte ein, wir verließen den geschlossenen Raum und hatten die sternenklare Nacht für uns. Während sie mich mit Ortskenntnis

um das Gebäude herum führte ließ ich mich dazu verführen meinen rechten Arm etwas unbeholfen, um ihre Schulter zu legen. Sie entwand sich mir und ging auf eine Bank zu. Ihr fröstelte in ihrem langärmeligen lindgrünen Shirt. Ich zog meine Jacke aus, legte sie um ihre Schultern und setzte mich neben sie. Mit einem Lächeln wies sie mich darauf hin, dass mir ja nun kalt sein müsse.

Zehn Minuten später gingen wir wieder hinein und sie fragte mich, ob ich ihre Telefonnummer haben wolle. Ich bejahte erfreut. Nach-dem sie sich trotz ihres Vorschlages noch etwas zierte und mir das Versprechen abnahm, wirklich anzurufen, erhielt ich sie. Wir gingen noch zusammen hinaus, verabschiedeten uns mit einem Kuss auf die Wange und gingen allein nach Haus. Ich schaute ihr hinterher, sie spürte meinen Blick und ging stolz und anmutig auf ihren Hauseingang zu.

Die darauffolgende Woche musste ich oft an sie denken, kaufte mir eine neue ausziehbare Couch – die alte war wirklich nicht mehr vorzeigbar – und versuchte mich, so gut es ging, auf die Arbeit und mein Fernabitur zu konzentrieren. Am Ende der Woche wurde das Möbel geliefert und ich war bereit mich mit ihr zu verabreden. Am Telefon neckte ich sie auf die Frage, warum ich nicht schon früher angerufen habe, mit einem „ Ich wollte dich etwas zappeln lassen“ und verabredete mit ihr für den folgenden Dienstag ein Abendessen beim Italiener.

Ich stand vor den Namensschildern des Hauseingangs eines Plattenbaus der siebziger Jahre, drückte die Klingel mit dem Namensschild eines Dr.phil. und wartete auf eine Reaktion.

Die Gardine im Hochparterre wurde zur Seite geschoben, ich sah eine Menge roter Haare, ihre braunen Augen und hinter ihr im undeutlichen Schein der Reflexionen die Gestalten zweier Männer. Sie winkte mir zu und verschwand hinter dem sich noch bewegenden Stoff.

Ich nahm sie am Eingang in Empfang und sie schob mich in die entgegengesetzte Richtung der Fenster ihrer Wohnung den Gehweg am Riegelbauungetüm entlang. Wir nahmen einen Umweg, den sie mit einem beeindruckenden Monolog füllte.

Wir bestellten unser Essen – sie einen Salat und ein Wasser – und rutschten nervös auf unseren Stühlen umher. Der Salat war okay, das Dressing nicht. Ich rief den Kellner, um ihn darauf aufmerk-sam zu machen und sie versuchte mich mit den Worten „Lass doch“ verlegen daran zu hindern.

Wir bezahlten getrennt, weil sie sich nicht einladen lassen wollte, und gingen an dem kühlen Abend auf meine Wohnung in einem Gründerzeitviertel Berlins zu.

Ihren Mantel abnehmend bot ich ihr etwas zu trinken an und ließ sie einen Blick in alle Räume meiner kleinen, dunklen Hinterhof-wohnung werfen. Sie setzte sich nach einem Rundblick auf den Sessel gleich neben der Tür zum Flur und lobte mich für meine Einrichtung. Ich nahm ihr gegenüber Platz und schaute sie an

– sie wollte nichts trinken. Nach einer kurzen Pause meinte sie unvermittelt mit einem Blick auf den Teppichboden, dass wir es ja dort machen könnten.

Ich machte ihr einen Pfefferminztee und sie erzählte mir, ihre fast knabenhafte Gestalt mit der großen Oberweite in den viel zu breiten Sessel drückend, von ihrem Leben. Aufmerksam zuhörend verlor ich langsam den Boden unter den Füßen.

„Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich war wegen meiner Depressionen bei einem Psychologen, der mich über meine Familie und mein Umfeld ausfragen wollte. Ich konterte mit einer Frage nach seiner Familie und bestimmte mit meinen Fragen die Sitzung.“

„Die Psychologen sind auch keine Hilfe.“

„Mein Exfreund hat mich geschlagen-Nach einer Vergewaltigung von ihm habe ich die Beziehung beendet und als er mich mit einem Tripper ansteckte, schlief ich auch nicht mehr mit ihm-Ich habe Angst, dass er Alkoholiker wird und weiß nicht, wie ich das ändern kann. Ich liebe ihn immer noch.“

„Beim ersten Mal werde ich einfach nur daliegen-Ich muss in einem Durchgangszimmer schlafen-Wenn mein Vater betrunken ist, dann ist er gemein zu mir – Ich rede nachts oft mit meiner Mutter. Sie hatte Schizophrenie und hängte sich in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie auf. Ich war zwölf. Mein Vater sagt immer, sie hat uns im Stichgelassen-Ich finde es mutig das Leben selbst zu beenden. Kannst Du Dir vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn man vergewaltigt wird?“

Ja. Ist mir auch mal passiert.

„Wie war es denn? und was hast du dabei gefühlt?“, fragte sie weiterhin tonlos und mit unbewegter Miene.

Ich war zwölf und fand es Scheiße.

„Was hat er gemacht?“

Er hat mich gezwungen ihn anzufassen und hat mich berührt. Dann wollte er…

„Was hast du dabei gefühlt?“

„Denkst du ich bin prüde?“

„Ich trinke keinen Alkohol.“

„Du musst mich überrumpeln.“

Ich machte ihr noch einen Pfefferminztee und brachte sie dann nach Hause.

Die nächsten Tage konnte ich mich kaum konzentrieren.

Ich rief sie an und verabredete den gemeinsamen Besuch einer Diskothek.

Ich unterschätzte die Entfernung und schlug vor, auf ein Taxi zu warten.

„Ich bin sehr willensstark.“

Ich ziehe auch durch, was ich mir in den Kopf setze.

Wir standen an einer verlassenen Straßenecke und mir dauerte es schon zu lange. Kein Taxi in Sicht. Der nächste S-Bahnhof war in Sichtweite und ich schlug vor die Bahn zu nehmen.

„Ich glaube, Du bist nicht sehr intelligent“, sagte sie in einem verletzenden Tonfall.

Wir gingen bei spärlicher Straßenbeleuchtung den Weg am Park nach Hause und sie fragte mich mit einem Blick auf die undurchdringlichen Büsche, ob wir nicht hinein gehen wollen. Ich hatte keine Lust und viele umformulierte Fragen in meinem Kopf.

Im gleichen Sessel sitzend meinte sie, dass ich ihr dabei sagen müsse, wie wunderschön sie sei.

„Ich habe Angst, dass mein Vater durch seinen Alkoholismus seine Arbeitsstelle verliert. Ich würde ihn nie im Stich lassen.“

„Ich werde dich schlagen.“

„Ich kann keine Gefühle zeigen. Ich bin verletzend ehrlich.“

„Wenn ich mich wegdrehe und nicht mehr mit dir spreche, dann musst du etwas ganz Bestimmtes zu mir sagen, um mich umzustimmen.“

Was denn?

„Könntest du eine Frau schlagen?“

Nein, ich weiß nicht. Habe ich noch nie getan.

„Wir können uns nur unter der Woche sehen, am Wochenende bin ich mit meinen Freunden unterwegs.“

„Ich mag es nicht auf der Straße Hand in Hand zu laufen oder mich in der Öffentlichkeit zu küssen.“

Sie steht auf und geht im Zimmer umher.

„Wozu brauchst Du denn einen Schreibtisch?“

Ich mache ein Fernabitur. Fast jeden Tag nach der Arbeit sitze ich dort.

„Gibt es dort auch ein Punktesystem? Ich find das blöd und undurchsichtig.“

Nein, ich lerne den Stoff innerhalb von zwei Jahren und melde mich dann zur Prüfung an.

„Das ist doch viel besser.“

Ich stehe dicht neben ihr und bemerke, wie sich ihr ganzer Körper verspannt. Ich kann ihre Angst und ihre Kälte spüren.

Meine Konfusion störte meine Beziehungen und meine Arbeits-leistung erheblich. Ein Mitarbeiter meinte, diese Frau sei nicht gut für mich. Das wusste ich selbst, aber es gab niemanden der ihr helfen konnte (bin ich Gott?). Ich konnte sie nicht alleine lassen.

Ich träumte von dem Durchgangszimmer das zum Schlafzimmer ihres Vaters führte und von ihrem betrunkenen Vater. Ich wachte schweißgebadet unter einem grauen Himmel auf.

Meine Unzufriedenheit mit meiner Situation und die Vorstellung von Abitur und Studium wurden von diesen Sorgen verdrängt.

Ich stand wie üblich eine halbe Stunde vor der Telefonzelle, um mit ihr zu sprechen. Telefonanschlüsse waren noch rar.

Hallo, ich habe lange nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich eine Auszeit brauche. So zwei bis drei Wochen vielleicht.

„Dann hast du mich bestimmt schon vergessen!“

Nein, ganz sicher nicht. Ich brauche nur etwas Abstand zum Nachdenken.“

„Ist es meine Schuld?“, fragte sie verzweifelt – und leiser „Ich weiß, was ich falsch gemacht habe.“

Nein, ich weiß nicht. Es liegt an uns beiden. Lass mir etwas Zeit.

„Ich wusste, dass es an dir liegt!“, sagte sie mit klarer und hasserfüllter Stimme.

„Wollen wir übermorgen ins Kino gehen? Am Kudamm läuft ein Film den ich schon lange sehen wollte. Falling Down.“

Ja, meinetwegen, sagte ich völlig irritiert.

„Kommst Du mich abholen?“

Das schaffe ich nicht, aber wir können uns ja abends um sechs an der U-Bahnstation treffen.

„Bis dann.“

Wieso hast Du einen Rucksack dabei?

„Dort ist ein Geschenk für dich drin.“

Was denn für eins?

„Das verrate ich nicht.“

„Willst du wirklich ins Kino?“

Ja, ich hab mich schon darauf gefreut.

„Du bist nicht sehr flexibel?!“

„Weißt du wie es die Schweine machen?“

Sie legte ein so schnelles Tempo vor, dass ich ihr kaum folgen konnte.

Nun lauf nicht so schnell. Ich muss mit dir reden.

Keine Reaktion.

Nun bleib doch mal stehen.

„Wir können auch im Laufen sprechen.“

Unbekümmert ging sie im gleichen Tempo weiter und ich war kurz davor mich ärgerlich umzudrehen und sie ihren Weg gehen zu lassen. Ich mag solche Spiele nicht – vor allem dann, wenn sie ernst sind.

Ich konnte sie nicht gehen lassen.

In der vollen S-Bahn standen wir dicht voreinander. Sie reckte ihren Kopf zu mir hoch und hielt mir ihre Lippen entgegen. Ich war noch zu verärgert.

„Ich bin nur 1,54. Ich bin so klein.“

Nein, du bist genau richtig.

„Du freust dich gar nicht über das Geschenk!“

Zu Hause angekommen packte ich es aus und machte ihr den Vorschlag die Rotweingläser einzuweihen.

„Nein, ich trinke nichts.“

„Wir werden zusammensitzen und ich werde mich bei dir ausweinen.“

Sie war total verspannt.

Ich schaute in ihre braunen Augen und erschrak über die bodenlose Leere in ihrem Blick.

„Ich hatte schon seit drei Wochen keinen Sex mehr“

Bei mir ist es schon ein viertel Jahr her.

„Wie hältst du das aus?“

Da gibt es nichts auszuhalten, wenn ich welchen habe ist es gut und wenn nicht ist es auch nicht so schlimm.

„Hast du einen Tripper?“

Das Gespräch versandete.

Ich brachte sie zur Hauptverkehrsstraße und sah wie sie neben mir lief. Die Schultern hochgezogen und nach vorne gekrümmt.

Den Kopf hängend.

Ich wollte und konnte nichts mehr hören, rief ein Taxi, setzte sie hinein und nötigte ihr das Fahrgeld auf.

Beim nächsten Telefonat meinte sie, sie glaube, ich sei eine Persönlichkeit und sorgte mit vielen weiteren Worten für das Fliegen  der Schmetterlinge in meinem Bauch.

Ich rief sie wieder an und wollte sie sehen. Sie sehe mit einer Freundin und ihrem Vater einen Film, aber ich könne ja später noch einmal anrufen, gab sie zurück.

Sie stand an der Straßenbahnhaltestelle in dem kleinen Schwarzen mit langen Ärmeln, dazu schwarze wollene Strümpfe die knapp unter dem Kleid endeten und halbhohe dunkelbraune Schnürstiefel.

Sie war wunderschön.

„Du kommst fünf Minuten zu spät. Mit der nächsten Bahn wäre ich

zurückgefahren.“

Sie hatte Alkohol getrunken.

Ich setzte mich neben ihren Sessel auf den Boden und bat sie, sich

neben mich zu setzen.

„Neiiin.“, sagte sie mit einem lang gezogenen ängstlichen Ton der zu einem kleinen Mädchen gepasst hätte.

Ich stand auf und sah sie unschlüssig an.

„Ich mag fleischige Männer.“, sagte sie übergangslos.

Ich habe keine Probleme mit mir.

Sie sah zu mir hoch und leckte mit ihrer Zunge über ihre Oberlippe.

„Willst Du mir nicht die Schuhe ausziehen?“

Ich wollte nicht.

In meiner Frühstückspause rief ich sie an, weil ich mir Sorgen machte.

Wie geht es Dir? Du bist gar nicht in der Schule.

„Ich gehe heute nicht. Ich bin im Bett und mir geht es schlecht.“

Ich mache frei und komme sofort zu Dir.

„Nein! Ich will nicht, dass du mich so siehst!“

Mein Chef ließ mich aufgrund meiner schlechten Leistungen in den letzten zwei Wochen nicht gehen.

Am Samstag lernte ich ihren Freundeskreis kennen. Die meisten waren mir sofort sympathisch.

Sie ignorierte mich den ganzen Abend, antwortete mir nur kurz und unterhielt sich mit ihrer Freundin.

Frau Garstig, sagte jemand als die Sprache auf sie kam. Ihre Freundin kam zu mir und bat mich, auf sie zuzugehen. Ich setzte mich neben sie. Sie hielt mir ihren geöffneten Mund entgegen.

Ich steckte meine Zunge hinein und blickte in die Augen meiner Mutter.

Ein Mal

oder aus dem Inneren einer Psychose

von 2015

Weit vor der Stadt existiert nordwestlich seit langem eine Neue. Ich kann nicht einmal sagen, ob diese auch Berlin heißt und ob es ein ebensolches Konglomerat ist oder vollständig vom Reißbrett. Das alles ist schemenhaft, mehr eine undeutliche Erinnerung als tatsächliche Information.

Zur Zeit befinde ich mich noch in der alten Stadt, die nicht nur für mich bespielt wird. Statisten und für den direkten Kontakt Schauspieler, denen eben dieses Spiel nicht anzumerken ist – zu gekonnt. Sie wissen es, ich weiß es, ob sie wissen, dass ich es weiß, bleibt im Dunkeln, denn ich wage nicht daran zu rühren. Es ist besser so.“

Ich finde keinen ausreichenden Schlaf. Alles ist zu neu und es gibt zu viel Stoff zum Nachdenken. Weshalb ich, was macht mich besonders oder ist es einfach nur Zufall.

Die Matratze des Bettes ist etwas bequemer als das Original und das leise Grollen der Straßenbahn in den Schienen der Hauptstraße klingt etwas weniger aufdringlich in den frühen Morgenstunden.

Nachts

Mitten in der Nacht werde ich aufgeweckt. In meinem Kopf erklingt eine Stimme. Soweit sind sie also schon – direkte Kommunikation.

„Bleib still liegen, rühre Dich nicht. Ein selbstzerstörender Stent wurde Dir in die Arterien am Herzen implantiert, falls das Experiment scheitert, aber wir können das nicht länger mittragen. Bleib still liegen, wir holen ihn heraus, sagte sie sanft und  beruhigend.

„Wie soll das gehen über diese Entfernung, nach Telepathie auch Telekinese. Welches Jahr schreiben wir tatsächlich?!“

Ich liege ruhig, versuche flach zu atmen und spüre eine nicht gekannte Wärme genau unter dem Brustbein. Jetzt ist es also soweit. Es soll mindestens eine halbe Stunde dauern und es wird nicht leicht, so lange vollkommen ohne Bewegung zu verharren. Der große Zeh fängt an zu jucken und es steigert sich zur Unerträglichkeit. Lenke dich ab und denke an den letzten Urlaub! Segeln vor Plymouth an der Süd-West-Küste Englands. Als du in einen flow geraten bist, das Schiff lag halb auf der Seite, die Gischt spritzte ins Gesicht, die Segel spannten sich im Wind und es war ein Hochgefühl konzentriert mit dem Steuer das Boot in dieser Lage im Wind zu halten.

Wie funktioniert diese Form der Telepathie? Ich kramte in meinem Gedächtnis, was mir von Eric Kandel und anderen Neurowissenschaftlern noch in Erinnerung geblieben ist.

Die Hirnareale, die für passive und aktive Sprache vom Gehirn verwendet werden, müssen die Schlüssel zur direkten Kommunikation sein. Die individuellen Phasenverschiebungen zwischen passiver Aufnahme von sprachlichen Informationen und dem aktiven Weitergeben lassen sich nutzen, um einen Abgleich herbeizuführen. Je mehr der Empfänger spricht, desto besser gestaltet sich die Auflösung im direkten Vergleich und es können aktiv mehr Informationen induziert werden. Das klingt dann wie Sprache und lässt sich sogar auf Klangfarbe der Stimme und Geschlecht modulieren.

Die Empfänger brauchen jetzt nur noch einen kleinen Sender, der sie auch im urbanen Umfeld zielgenau lokalisieren lässt. Ein Mobil vielleicht….

Das Jucken hat aufgehört wie es kam, jetzt zog es an anderer Stelle…

Die Zeit ist relativ, lerne ich gerade wieder und die Minuten dehnen sich zu Stunden.

Was sich nicht geändert hat, sind eine offensichtliche Opposition und eine staatliche oder staatsähnliche Verwaltung, vielleicht auch nur eine Mehrheitsmeinung die verwaltungstechnisch umgesetzt werden kann. Also kein Friede-Freude-Eierkuchen, sondern ein Aushandeln gesellschaftlicher Konventionen, offizieller Meinung usw.. oder eine Diktatur mit einer Opposition im Untergrund.  Nicht schon wieder!

I

Grenzenlose Kontrolle, das hat mir noch gefehlt!, denke ich.

Am folgenden Morgen wache ich spät und mit müden Gliedern auf. War es nur ein schlechter Traum?

Im Spiegel waren deutlich dunkle Ränder unter meinen Augen zu sehen, die auch mit dem Schneiden von Grimassen nicht verschwanden und die vorhergehende Frage beantworteten. Über das Geschehene sinnierend putzte ich mir, wie immer durch die spartanisch eingerichtete Wohnung laufend, die Zähne.

Im Hof scheppern die Deckel der Mülltonnen, ein älterer Herr in einem fleckigem Mantel sucht nach Verwertbarem und im Nachbarhof plärrt ein Kind. Soweit eine gewohnte Umgebung.

Von den Nachbarn war in dem Gründerzeitbau lange kaum etwas zu hören oder zu sehen.

Statt Berlinerisch höre ich jetzt Spanisch, Italienisch, Französisch und Englisch. Die überwiegende Zeit ist es ein Geisterhaus, in dem die Briefkästen von Wochenzeitungen überquellen und abends die Fenster dunkel bleiben.

Die Statisten haben offensichtlich noch andere Verpflichtungen und sehen es wohl als willkommenen Urlaub an, in der alten Stadt zu wohnen. Ich kenne hier niemanden bis auf die kleine Französin direkt unter mir, die denken muss, ein Wohnhaus sei auch Partyzone. Ein erzwungener Kontakt? Oder ein Test, wie ich mit Konflikten umgehe?! Eigentlich wie immer: höflich aber bestimmt mache ich sie auf das Problem aufmerksam und verlange Abhilfe oder aber eine rechtzeitige Information.

Gelegentlich ist jetzt leise die Marseillaise zu hören….

Also alles wie immer, nur den Schreibtisch links liegen lassen. Frühstücken – eine Schrippe mit Butter und Pflaumenmus, einen Kaffee, eine Banane, um ausreichend Magnesium und Kalium zuzuführen und zum Abschluss eine Zigarette, auf die ich trotz meiner sportlichen Ambitionen nie verzichtete.

Ich wählte die Nummer meiner Eltern, aber es ging niemand ans Telefon, das war zu erwarten. Die Telefonnummern haben keine Empfänger mehr…

Sorgfältig packte ich meine Trainingstasche. Schwimmbrille (Malmsten Schwedenbrille), Badehose und Duschgel in das Handtuch eingerollt dazu kurze Flossen, Hand Paddles, um die Brustmuskulatur gezielt zu stärken und Badelatschen.

Das Trainingszentrum lag nur zwanzig Minuten fußläufig entfernt, das ist nicht zu weit und reicht zum Aufwärmen. Der Verein bietet  auch mittags Trainingszeiten.

Ich nahm die Tasche quer über die Schulter, schnappte mir die Schlüssel und verließ die Wohnung im 4. OG. Eine sportliche Höhe im Gründerzeitbau die ungeübten Besuchern regelmäßig den Atem nahm.

Die auf Touristen ausgelegten lokalen Geschäfte passierend, sah ich mich aufmerksam auf dem Weg zum Schwimmen um. Nichts Verdächtiges, aber ausschließlich fremde Gesichter.

Schwimmen

Die Trainings- und Wettkampfhalle ist tief in das Erdreich eingegraben und wird über die Oberlichter der Decke auf Stahlfachwerkträgern belichtet.

Das Sonnenlicht flutet die Halle und lässt die unzähligen kleinen Wellenkämme des Wassers glitzern und bei längerem Hinsehen die Nase kitzeln. Das Becken wird heute  nur von wenigen zur Mittageszeit genutzt, so das eine komplette 50m-Bahn frei ist. Was für ein Luxus!

Schwimmen ist ein Sport für Individualisten und so wundert es nicht, dass außer in Wettkampfsituationen keine Teams oder engeren Bindungen existieren, weshalb ich auch keines der unbekannten Gesichter grüße.

Ich gleite in das Wasser, tauche unter um Fühlung aufzunehmen und beginne mich einzuschwimmen. Brust und dann im Wechsel Kraulen und Rückenkraulen.

Kraulen ist am besten, da es eine kontinuierliche Vorwärtsbewegung ist und so ein Wassergefühl entsteht. Man wird eins mit dem Wasser, spürt den Widerstand beim Ziehen und Abdrücken der Hände, beim Paddeln der Füße und geht so mit dem Wasser eine Verbindung ein.

Das war so das Einzige was mir heute nicht fremd erschien.

Ich hatte mich an das Allein-Sein gewöhnt.

Die Menschen in meinem Umfeld waren nicht auffallend anders gekleidet, etwas farbiger vielleicht und in keinerlei erkennbarer Markenware.

„Sei wie immer! Du kannst nichts falsch machen.“

Das ist leicht gesagt, wenn man es weiß.

Ich musste raus aus dieser Geschichte und einen klaren Kopf bekommen.  Physisch und psychisch an der Grenze zur vollständigen Erschöpfung, wies ich mich nach Wochen selbst in eine Klinik ein.

Die Diagnose lautete trauma-assoziierte Psychose – das hatte ich mir schon gedacht, denn sie wissen immer noch nicht, was ich weiß und spielen das Spiel weiter.

Nach zwei Tagen Schlaf, mit kurzer Unterbrechung für das Signieren eines Formulars, fühlte ich mich wieder einigermaßen frisch.

In einem typischen Krankenzimmer standen drei Betten nebeneinander, zwei waren belegt. Die Sonne schien hoch durch die Fenster und erreichte mein Bett nicht mehr. Es stand zu der Wand mit der Nische für das Waschbecken. Diese war genau dreigeteilt – die Nische, drei Wandschränke und die Türöffnung. Die gleiche Symmetrie wie die Fensteröffnungen. Offenbar war es ein wohldurchdachter Bau, der mit seiner Spiegellampe und dem Waschbecken an die Moderne erinnerte.

Ich stand auf und suchte in der Tasche nach meiner Zahnbürste.

Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, zog ich meine schwarze Hose und ein dunkelblaues T-Shirt an, schlüpfte in meine Badelatschen und öffnete die Tür zum Flur.

Überall auf dem Gang standen weitere Patienten, an die Wand gelehnt, langsam schlurfend oder in einer Pose erstarrt, aber alle in sich selbst versunken. Vor der Medikamentenausgabe hatte sich eine kleine Schlange gebildet und als sich die Tür zur Ausgabe öffnete kam Unruhe in die Menschen auf dem Gang. Sie bewegten sich langsam auf die Schlange zu und erinnerten an einen Zombiefilm – Frischfleisch! Aber so dramatisch war es nicht, denn es ging nur um bunte Pillen.

Die Frühstückszeit war vorbei und im Essensraum war das Büffet geplündert. Eine Schrippe mit Marmelade und ein Kaffee mit Milch und Zucker mussten reichen, obwohl der Hunger groß war.

Medikamente vs. klarer Kopf!!!…wie geht das weiter, frage ich mich …

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Ankunft in Ben Gurion und Tel Aviv

Nach viereinhalb Stunden Flug und gewagten Flugmanövern sind wir in Ben Gurion gelandet.

An der Passkontrolle die üblichen Fragen – wohin und warum. Nachdem ich erläutert hatte, dass ich einfach nur Urlaub machen, Galerien und Museen besuchen und am Strand herumliegen werde, bekam ich ein Lachen mit der Bemerkung, dass sie neidisch sei ).

Am Flughafen fielen mir viele mit Hüten, Kippa und Schläfenlocken auf, die sich aber im Stadtbild der Moderne von Tel Aviv verlieren.  Die orthodoxen Juden leben vorwiegend in Jerusalem oder in den ländlichen Bereichen und sind die Bewahrer der jüdischen Tradition.

Nachdem ich meine Unterkunft bezog, ging ich als erstes zum Mittelmeerstrand – Jerusalem Beach – , um meine Füße im Wasser abzukühlen – kalt war es nicht!

Weil ich es nicht lassen kann, habe ich mich gleich in die Stadt gestürzt und bin mit Flip/Flops und leichter Bekleidung erst einmal die gesamte Allenby Street hochgelaufen – auch auf der Suche nach einem Supermarkt, den es dort nicht gibt. Im „Tante-Emma-Laden“ waren die Preise für Kaffee, Milch und Butter gesalzen.