oder Unmöglichkeit des Seins
Prolog
Wir sahen uns das erste Mal in einer Konfliktsituation zweier Parteien nicht lange nach der Wiedervereinigung, die sich aber schnell entspannte. Sie gehörte zur Gegenpartei.
An der Bar orderte ich einen Drink und sie ließ mich wissen, dass der Platz neben ihr frei sei. Wir kamen ins Gespräch, lachten und hatten gegenseitig Sympathie füreinander. Sie sprach sogar sehr schnell von Seelenverwandtschaft.
Wir gingen hinaus um etwas unter uns zu sein – ihr fröstelte in ihrem lindgrünem Langarmshirt und ich legte ihr meine Lederjacke um die Schultern. Sie sprach von Ritterlichkeit und war sehr angetan. Wir liefen ein paar Meter zusammen, sie gab mir schließlich ihre Telefonnummer und ging nach Hause – nur wenige Meter entfernt befand sich die Wohnung ihrer Familie.
Zu dieser Zeit arbeitete ich als Bauhilfsarbeiter – sie machte Abitur. Elf Jahre Unterschied, aber es schien ihr nichts auszumachen – im Gegenteil.
Drei Tage später rief ich sie an, um ein Date auszumachen und witzelte, dass ich sie eigentlich noch etwas zappeln lassen wollte, um das Gespräch aufzulockern. Ich selbst hatte noch kein Telefon, so dass ich eine Telefonzelle aufsuchen musste. Die Erreichbarkeit hatte eine klare Richtung.
Ich holte sie an einer Straßenbahnhaltestelle ab und hatte bereits ein Restaurant ausgemacht, in dem wir etwas Essen könnten. Asiatisch an der Frankfurter Allee nicht weit vom S-Bahnhof entfernt.
Sie bestellte einen Salat und ich etwas mit Nudeln und Huhn. Auf meine Frage, wie denn der Salat sei, antwortete sie: Insgesamt ganz gut, nur das Dressing gefalle ihr nicht. Ich schlug vor, den Kellner zu rufen, um eine Änderung herbeizuführen.
Sie meinte daraufhin abwehrend: Lass doch – denn ich war gerade im Begriff es zu tun. Verwundert schaute ich sie an, der Kellner kam und ich gab ihre Kritik weiter. Die Küche konnte abhelfen und sie war zufrieden.
Sie schlug vor, zu mir zu gehen.
Kapitel I
Ganz einem Date gemäß, hatte sie ein kurzes schwarzes Kleid mit knöchelhohen Schuhen und schwarzen Strümpfen bis unter das Kleid an. Ihre hennaroten Haare fielen mit kleiner, voluminöser Dauerwelle bis über ihre Schultern und ließen ihr Gesicht kaum frei. Sie war einen Kopf kleiner als ich.
Ich wollte meinen Arm um ihre Schulter legen, aber sie machte sich steif.
Wir gingen zu meiner Wohnung im Friedrichshain am Boxhagener Platz.
Dort angekommen erklommen wir die vier Treppen zu meiner Wohnung im Hofgebäude. Ein Zimmer mit großer Küche und einem kleinen WC im Abstellraum der Küche. Ich führte sie kurz durch die Wohnräume und sie fragte erstaunt, wozu ich denn einen Schreibtisch bräuchte. Ich erläuterte, dass ich mich gerade in eine Umbruchphase befände und mit dem Abitur als Fernabitur begonnen hätte.
Sie nahm im Sessel gleich links hinter der Tür des Wohnzimmers Platz, ich fragte sie nach einem Getränkewunsch und bereitete dann heißen Pfefferminztee für sie zu – ohne Zucker.
Gegenüber von ihr nahm ich Platz. Sie trank vom Tee und sagte anerkennend, dass sie es gut findet, wie ich einen Teil der Schrankwand als andere Möbel verwende – den kleinen Tisch zum Beispiel, der zuvor ein Einsetzmodul in der Schrankwand war. Sie stellte ihren Tee dort ab und begann zu reden.
Sie begann mit ihrer letzten Beziehung und meinte, dass sie ihren EX-Freund immer noch liebe – tonlos und mit hohen Schultern erzählte sie von dieser Liebe und ich hörte ihr zu.
Ihr Ex-Freund habe sie geschlagen und vergewaltigt, sei jetzt Alkoholiker und habe nach verschiedenem Fremdgehen eine Gonorrhö angeschleppt.
Sie müsse bei ihrem Vater in der Wohnung im Durchgangszimmer schlafen und hatte somit kaum Privatsphäre – erzählte sie zusammenhanglos. Ich konnte diese letzte Situation sehr gut nachvollziehen, denn mir erging es für zwei Jahre bei meinen Eltern ähnlich. Gerade für Teenager ist so etwas eine sehr belastende Situation, die ich auch so empfand und eben deshalb sehr gut nachvollziehen konnte.
Ich fragte, weshalb sie das Verhalten ihres EX-Freundes nicht zur Anzeige gebracht hat – kurze Stille. Ich war perplex und mir fehlten die Worte.
Sie meinte weiter, ihre Mutter hätte sich in der Psychiatrie das Leben genommen als sie zwölf Jahre alt war und ihr Vater sei betrunken gemein zu ihr. Sie bewundere ihre Mutter für ihre Tat und wolle aber ihren Vater nicht im Stich lassen. Sie selbst sei bei einem Psychiater gewesen, der habe ihr aber nicht helfen können – stattdessen fragte sie ihn aus – erzählte sie stolz.
Ihr Vater – ein ehemals hoher SED-Kader – jetzt arbeitslos und alkoholkrank fände keine neue Frau.
Ich stand auf und ging zu ihrem Sessel, setzte mich auf die Lehne und wollte sie in den Arm nehmen – sie zog die Schultern höher und wendete den Kopf ab.
Ich ging zurück, setzte mich wieder und fragte, ob sie noch etwas trinken wolle. Ja, Pfefferminztee – Alkohol tränke sie generell nicht, als ich Roten Wein vorschlug.
In der Küche war ich erst einmal konsterniert und wusste mit der Situation nicht viel anzufangen. Einerseits hatte sie sich sehr sexy gekleidet und schlug selbst vor, in meine Wohnung zu gehen, andererseits war sie unnahbar und ich empfand Mitleid – richtiger ich war verstört und meine Hände zitterten beim Aufguss.
Sie meinte dann zu mir, ich müsse ihr dabei sagen, dass sie wunderschön sei und ich müsse alles geben, verkroch sich aber gleichzeitig tiefer in ihren Sessel.
Sie erklärte weiter, wie sie in Beziehungen agiert beziehungsweise reagiert. Es könne durchaus vorkommen, dass ihr in Konfliktsituationen die Hand ausrutsche oder das sie sich einfach wegdrehe und ich etwas Bestimmtes zu ihr sagen müsse. Was denn?, fragte ich. Darauf folgte nur Schweigen. Sie gehe oft spazieren meinte sie später, wenn sie es zu Hause nicht aushält. Ihre Mitschüler würden sie garstig nennen, erzählte sie weiter zusammenhanglos – jedenfalls für meine Ohren zusammenhanglos.
Übergangslos fragte sie mich, ob ich Frauen schlagen oder vergewaltigen könne – Nein! -verdammt.
Ich kam gar nicht dazu, einen Dialog mit ihr zu führen und wusste auch nicht mehr, was sie erwarten würde – ich erwartete nichts mehr.
Am Ende waren wir beide erschöpft. Ich brachte sie zu einem Taxi und gab dem Fahrer das Geld für die Fahrt.
Ich hatte niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte….
Kapitel II
Ich selbst hatte mit einer Missbrauchs Erfahrung zu kämpfen – ich war zwölf und der Täter eine ranghoher Stasioffizier. Ich konnte es letztlich abwehren, aber das Trauma blieb irgendwie erhalten und definierte auch mein sensibles Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht.
Zwei Tage später rief ich sie an und sagte, dass mich die ganze Sache überfordern würde und ich Zeit zum Nachdenken bräuchte. Sie erwiderte, ich würde sie in dieser Zeit sicher vergessen. Daraufhin sagte ich, das würde ganz sicher nicht passieren, aber irgendwie wickelte sie mich um den Finger und ich stimmte einem zeitnahen erneuten Date zu.
Wir verabredeten einen gemeinsamen Kinobesuch und trafen uns am Frankfurter Tor. Sie erklärte, dass sie selten einen Rucksack vor der Dunkelheit trage, aber in dieser speziellen Situation, wo sie ein Geschenk für mich dabeihabe, müsse es wohl sein. Wir spazierten die Frankfurter Allee entlang Richtung Alexanderplatz. Unvermittelt fragte sie, ob ich wüsste, wie es die Schweine machen…
Ich blieb stehen – sie ging weiter. Ich war im Zwiespalt, lasse ich sie jetzt einfach gehen oder hole ich sie wieder ein. Jetzt war ich es, der dachte, ich könne sie ja nicht im Stich lassen, nachdem sie das von ihrer Mutter erzählt hatte. Ich war sprachlos.
In der S-Bahn hielt sie mir ihren Mund entgegen, aber ich konnte die Distanz nicht mehr überwinden. Ich wusste nicht, wie weit ich mich darauf einlassen könnte, ohne selbst Schaden zu nehmen. Nach dem Kinobesuch waren wir im Nikolaiviertel unterwegs, wo sie mir das Geschenk zeigte. Sie hatte bemerkt, dass ich keine Rotweingläser zu Hause habe und wollte mir diese schenken. Gemeinsam könnten wir diese wohl nicht einweihen, meinte ich, da sie keinen Alkohol tränke. Wieder fehlte ein konsistenter Dialog.
Zu Hause legte ich einen Film in den Videorecorder – etwas Lustiges. Sie schien aber gar nicht so interessiert. Ich setzte mich auf den Fußboden und nutzte ihren Sessel als Lehne. Ich bedeutete ihr, mich zu mir auf den Boden zu setzten. Sie tat es. Ich wollte sie in den Arm nehmen, um ihr Halt zu geben, aber sie wehrte wiederholt ab – sperrte sich richtig. Später meinte sie, ich müsse sie überrumpeln, um Sex mit ihr zu haben, dabei wollte ich nur ihre Nähe.
Ich schlief schlecht und wurde gewahr, was ich vieles verdrängt hatte, ohne je offen darüber sprechen zu können.
Kapitel III
Zum Nächsten Date holte ich sie zu Hause ab. Ihr Vater war promovierter Philologe, wie ich am Klingelschild erkennen konnte.
Wie gingen in die Eierschale – eine Nachtbar in Berlin-Treptow. Wir hatten einen zwanglosen Dialog – es war angenehm. Auf dem Rückweg, die Puschkinallee entlang unter Platanen zu mir, kam sie auf die Idee ein Gebüsch entlang des Weges aufzusuchen und in der Dunkelheit dahinter zu verschwinden. Ohne Vertrautheit mochte ich so etwas nicht. Sie sprach dann noch davon, dass sie das nächste Mal ein Buch über Kamasutra Stellungen mitbringen wolle.
Ich gab mir Mühe. Das nächste Mal spielten wir Dart bei mir. Sie machte dann das Licht aus, war aber immer noch sperrig – ich kann so nicht.
Beim letzten Telefonat fragte sie, ob sie eine Flasche Wein und ihre Freundin mitbringen solle. Ich sagte klar, warum nicht – aber daraus wurde nichts.
Epilog
Noch einmal telefonierte ich mit ihr. Sie fragte hochmütig, ob sie aus Mitleid mit mir zusammen sein solle und dass sie etwas erzwingen wollte…
Mir war klar, dass sich Nähe nicht erzwingen lässt. Sie konnte sich nicht überwinden – und ich durfte sie nicht überwinden. So etwas durfte sie nicht verlangen. Dass ich es nicht tat, war keine Schwäche, sondern die einzige Möglichkeit integer zu bleiben.
Die Überforderung mündete in einem Suizidversuch. Eine Psychologin meinte nur lapidar: „Ich sei eben schizoid.“ (was nicht stimmte) Das war alles.
Ich schrieb ihr ein paar schonungslose Briefe, da ich niemanden hatte, dem ich mich anvertrauen konnte, und traf sie zufällig noch einmal – sie sah mich erschrocken an und rannte davon.
Bekannte, die sie kannten, feindeten mich an. Bis vor kurzem – nach dreißig Jahren – schädigten sie und andere Unbekannte weiterhin meinen Ruf, ohne dass ich es direkt erfuhr und versuchten subtil, mich in eine Richtung zu lenken. Ich frage mich, was sie anderen erzählt hatte?
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