Kiezgeschichten

Der Flug ist nicht lang von London nach Berlin, ein neues Buch brauche ich nicht zu beginnen. So genieße ich die Aussicht von dem Fensterplatz und freue mich in meiner Heimatstadt einzutrudeln.

Für die ersten drei Wochen bin ich bei meiner Schwester untergekommen, denn die Wohnungssuche aus der Ferne gestaltet sich unmöglich. So kann ich meine Schwester auch etwas mit ihren Kindern unterstützen – ihre Beziehung ist gerade in die Brüche gegangen.

Nach einer Woche finde ich zwei Wohnungen in meinem alten Kiez und entscheide mich für eine mit Blick auf zwei Höfe, die unweit vom Boxhagener Platz liegt. An diesem habe ich schon einmal gewohnt.

Als erstes fällt mir auf, dass ich nach vierzehn Jahren nur noch selten Berlinerisch im Kiez höre. Der Kiez scheint gentrifiziert worden zu sein, wie zuvor der Prenzlauer Berg, was ich Mitte der Neunziger Jahre live miterlebt habe. Aus der Ferne bekommt man nicht so viel mit oder nur die Konflikte in den Medien.

Den einzigen Konflikt, den ich hier miterlebt habe, war die Besetzung eines halben Straßenzuges der Mainzer Straße Anfang der Neunziger Jahre mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen bei dessen Räumung. Die Straßenschilder waren Schwarz übersprüht, weil die Hausbesetzer annahmen, dass die Polizei aus dem Westen der Stadt so die Orientierung verlieren würden. Die gepflasterte Straße wurde mit einem Bagger aufgerissen, wie ein Schützengraben.

Die meisten Hausbesetzer kamen aus dem Westen der Stadt und dem Bundesgebiet vor Wiedervereinigung. Sie kamen in ein fremdes Land, das sich gerade von der Diktatur erholte, die neuen Freiräume begrüßte und Demokratie lernen wollte. Bis auf die Sprache gab es keine Gemeinsamkeiten – doch, sie wollten preiswert wohnen und nahmen keine Rücksicht auf die Interessen der Eingeborenen, die mit demokratischen Prozessen und politischer Willensbildung kaum Erfahrung hatten. Diese Leerstelle galt es aus Sicht der Hausbesetzer zu füllen – mit ihrem Verständnis von Politik natürlich.

Der Berliner Magistrat unterband nach einiger Zeit Neubesetzungen und fing an, besetzte Häuser zu räumen.

Ich hatte im Friedrichshain auch meine erste eigene Wohnung, die ich quasi von meinem Bruder erbte, der nicht wie ich nach der Flucht im Westteil der Stadt blieb, obwohl die ersten freien Volkskammerwahlen die verbrecherische Diktatur hinwegfegte und die Weichen auf ein gemeinsames Berlin stellte.

Die jetzige Wohnung ist nicht viel größer als die von meinem Bruder, aber mit einem Berliner Zimmer, das den Wohnraum nicht wie eine Schuhschachtel wirken lässt – eine schräge Wand, die den Raum zum großen Hoffenster hin öffnet.

Im Erdgeschoss des Hauses gibt es eine Bar mit siebziger Jahre Design, wo ich gelegentlich einen Drink nehme. Ich bin ohne feste Anstellung als Architekt und die Nachwirkungen der Finanzkrise lasten auch auf den Berliner Büros – es wird zu wenig investiert.  Ich nutze die freie Zeit, um mich bei der jungen Partei der Piraten einzubringen, gestalte einen Flyer für diese und versuche, mehr über demokratische Prozesse zu lernen. Programmatisch liegt mir der sozialliberale Anspruch, das fehlt wirklich noch in der Bundesrepublik, neben den digitalen Forderungen. Die Organisationsstruktur ist beeindruckend – von lokalen Gruppen bis hin zu den Parteitagen ist alles digital organisiert und man trifft sich zu Gesprächsrunden in Restaurants, Bars oder Cafés hier im Stadtbezirk. So lerne ich viele neue Leute im Kiez kennen – manche ziemlich schräg, aber das scheint dazu zu gehören.

Was mich wundert ist, dass in einigen Cafés die „Junge Welt“ ausliegt, das ehemalige Zentralorgan der Nachwuchsorganisation der SED. Bisher dachte ich, das hat sich überlebt und die ewig Gestrigen sind alte Männer, die ihrem Leben in der Diktatur nachtrauern. Offenbar lebt der Geist autoritärer Denkmuster und totalitärer Ambitionen noch in anderen Köpfen – und das in Ostberlin zwei Dekaden nach der Selbstbefreiung…

In einem solcher Cafés werde ich dann tatsächlich ausgeforscht – im Plauderton. Irgendwoher kannte ich das schon…

Beruflich mache ich eine Weiterbildung im Bereich Bauphysik und darf unabhängig davon für privat ein Reihenendhaus planen. Das ist meine erste freiberufliche Arbeit in Berlin. Die Bauherren, eine Familie mit zwei Kindern, bringen sich mit ein und eignen sich das Haus quasi schon im Planungsprozess mit an. Wir planen von Innen nach Außen, so dass die Fensteröffnungen unregelmäßig, aber in einem dann gestalteten Proportionsschema Platz finden. Auf den ersten Blick ist die Ordnung nicht erkennbar, weil sie die Diagonalen miteinbezieht und somit trotz Unregelmäßigkeiten eine ruhige Fassade bildet. Wir nehmen Anleihen bei Bruno Taut und tauchen den Putz in ein Ultramarinblau, dass einen schönen Kontrast zum Rot der Ziegel der Bestandsbebauung im Hintergrund bildet. Zudem ist es ein schöner Farbkontrast zum Grünton des Götterbaumes an der Gebäudeecke.

Währenddessen scheitern die Piraten bei der Wahl zum Bundestag und des Abgeordnetenhauses von Berlin, weil sie sich in Berlin in Identitäts- und Minderheitenpolitik verzettelt haben, statt beim Kernprogramm zu bleiben.  Jetzt wird auch sichtbar, warum das so ist, denn die Mehrheit der dafür Verantwortlichen wechselt daraufhin zur Linkspartei – die Nachfolgepartei der SED, die wiederum direkt auf die KPD der Weimarer Republik zurückzuführen ist.

In Kreuzberg habe ich mir ein Fahrrad gekauft, mit dem ich auch immer zum Schwimmen fahre, wenn schönes Wetter ist. Ich bin ein Schönwetter-Fahrradfahrer. Von einem Einkauf mit dem Rad zurückkehrend, stehe ich in der Küche und rege mich über irgendetwas auf. Es gibt einen Knacks in meinem oberen Bereich des Brustkorbes und mir wird schwindelig. Vorsichtig gehe ich in das Wohnzimmer und setze mich auf die Couch. Nach fünf Minuten geht es mir besser, ich stehe auf und mir wird wieder schwindelig. Ich setze mich hin, nehme das Telefon und gebe schon mal die 112 ein. Nach einem weiteren Versuch des Aufstehens, bleibt mir zudem noch der Atem weg und mir wird kalt. Ich wähle die Nummer und erkläre, dass ich einen Herzinfarkt habe. Der Notarzt ist schon unterwegs, sagt die Stimme. Fünfzehn Minuten später klingelt es bei mir, ich gehe vorsichtig zur Tür und öffne. Nach einer Überprüfung der Vitalfunktionen, begleiten mich zwei Rettungssanitäter, unter den Achseln fassend, die Treppe hinunter in den Rettungswagen. Mit Blaulicht fahren wir in das Krankenhaus am Friedrichshain, wo mir dann Blut abgenommen wird. Die Marker für einen Herzinfarkt sind vorhanden, so dass ich direkt in das Katheter Labor gefahren werde. Über eine Arterie am rechten Unterarm wird mir nach leichter Sedierung ein Katheter bis zum Herzen geschoben, wo die Engstelle mit einem Ballon geweitet wird, um anschließend einen Stent in der Herzkranzarterie zu platzieren. Er wird entfaltet und an die Gefäßwand gedrückt. Das alles kann ich selbst auf sechs Monitoren mit ansehen, so dass ich jederzeit im Bilde bin.

Drei Tage bleibe ich zur Beobachtung im Klinikum, bevor ich wieder nach Haus kann. Jetzt nachdem alles vorbei ist, entwickele ich eine Herzangst – nachträglich sozusagen. Ich trainiere jetzt beim Schwimmen doppelt so hart, um meine Belastungsgrenzen nach diesem Schock auszutesten. 200 Herzschläge/ Minute sind das Maximum im Kraul mit Schwimmflossen. Nach einem Jahr intensiven Trainings bin ich jetzt in der Lage Delphin zu Schwimmen – nur 50 Meter, aber immerhin. So hat der Herzinfarkt noch etwas Gutes gehabt – ich bin fitter als zuvor.

Ein weiteres Projekt, der Umbau einer Eigentumswohnung und anschließend der Ausbau eines Dachgeschosses zu Wohnzwecken, helfen mir meine überschüssige Energie zu bündeln und verlangen konzentrierte Arbeit mit einem gehörigen Lerntempo. Vieles muss ich mir selbst aneignen. Den Umgang mit den Bauherren und allen anderen an den Projekten Beteiligten zum Beispiel. Zum Glück habe ich zwei gute Freundinnen vom Fach, die mir immer wieder nützliche Hinweise geben.

In meinem Haus sind jetzt alle Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt worden. Viele Mieter nehmen eine kleine Abfindung an, um sich woanders eine neue Wohnung zu suchen. Ich bleibe, denn die Wohnung ist groß genug für mich und meine freiberufliche Arbeit und entspricht meinem Budget.

Zufällig treffe ich jemanden, den ich seit mehr als zwanzig Jahren nicht gesehen habe. Er erzählt mir von Treffen mit anderen zum Fußball Sehen im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft. Sie sind jetzt Unionfans, sagt er. Ich überlege, ob ich mich mal beteilige. Als Teenager bin ich auch zu Union gegangen – es gab ja sonst nichts, was nicht systematisch von der Diktatur durchdrungen war.

Wir treffen uns in Köpenick in einer spanischen Bar im Souterrain eines Gründerzeitbaus und sehen ein Spiel aus der Vorrunde. Ein weiterer Bekannter kommt hinzu – er hat jetzt einen Antiquitätenladen im Kiez. Eigentlich kenne ich alle nur vom Sehen, wir hatten nie engeren Kontakt und entsprechend verläuft das Treffen auch – nichts Persönliches. Das einzige Vertraute war die Berliner Mundart.

In meinem Kiez gehe ich jetzt auch ab und zu in eine Fußballkneipe. Mit zwei Franzosen, die direkt mir gegenüber in die Wohnung eingezogen sind, kann ich jetzt meine Sprachkenntnisse auffrischen und sie sind auch fußballinteressiert. Gemeinsam sehen wir das Halbfinale, in dem Frankreich gegen Deutschland verliert. Das freut mich und tut mir gleichzeitig leid, aber so ist das.

Immer öfter sehe ich jetzt Menschen, die ich aus Teenagerzeiten kannte. Als sei ich ein Licht, das Motten anzieht. Immerhin wurde ich in der Diktatur kurz vor den Prüfungen von der Schule geworfen und konnte dort auch meine Lehrausbildung nicht beenden. Jetzt bin ich ein Architekt mit internationaler Erfahrung. Das scheint eine gewisse Neugier zu wecken, zumal viele von denen mittelbar oder unmittelbar im Bereich des Bauens beschäftigt sind oder etwas mit dem 1. FC Union Berlin zu tun haben.

Hier im Kiez gibt es einige Fußballkneipen, die aber westdeutsch dominiert sind – Werder Bremen, FC St. Pauli und Dortmund. Keine einzige Unionkneipe.

Mir fällt auf, dass es in diesen Kneipen immer subtile Gesinnungskontrollen gibt. Politik scheint immer mitzuschwingen. Das ist ungemütlich, ich mag so etwas nicht, denn ich komme aus einer toleranten Stadt.

In einer dieser Kneipen erzähle ich von meinem letzten Urlaub in Israel und, dass ich selbst jüdische Vorfahren habe. Niemand geht darauf ein. Stattdessen werde ich das nächste Mal von einer mir unbekannten Person antisemitisch attackiert, ohne dass es von den Betreibern Widerspruch oder Sanktionen gibt. Dort gehe ich nicht mehr hin.

Letztens erzählte mir auf der Straße eine Kellnerin, dass sich jemand im Kiez als meine Person ausgäbe und sich in Bars oder Kneipen unmöglich benehme. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll…

Um so länger ich hier wohne, um so undurchdringlicher erscheint mir der Kiez, was auch mit an der hohen Fluktuation liegt. Alles, was ich hier an linksradikal oder extremistisch wahrgenommen habe, hielt ich für reine Folklore – wie auch DDR- Nostalgika. Mittlerweile muss ich erkennen, dass das alles ernst gemeint ist. Bei Wahlen sehe ich hier keine Wahlplakate von CDU oder FDP – die SPD scheint in der Beziehung das höchste der Gefühle zu sein. Haben die beiden anderen Parteien negative Erfahrungen im Kiez mit ihren Wahlplakaten gehabt oder wurden gar Infostände angegriffen? Ich weiß es nicht, aber es fällt mir auf.

Auf meiner Baustelle gibt es Probleme mit Nachträgen des Hauptgewerkes. Nachtragsmanagement – nicht alles lässt sich beim Bauen im Bestand in Leistungsverzeichnissen erfassen oder es ist schlicht handwerkliches Wissen, dass in die Angebote nicht mit eingeflossen ist. So wird der Angebotspreis niedrig gehalten, um den Auftrag zu bekommen. Das Budget der Bauherren wird dadurch strapaziert und ich habe jede Menge Ärger, denn die Kostenkalkulation muss am Ende mit maximal 10% Aufschlag stimmen.

Zudem ist mein Vater, den ich geliebt habe und der sehr stolz auf mich war, gestorben und ich muss meine Mutter in ihrem Alltag unterstützen. Drei Tage die Woche, versuche ich sie wieder zu mobilisieren, fahre Einkaufen, zu Arztterminen und halte den großen Garten in Ordnung. Meine Geschwister wollen oder können nicht mithelfen.

Als ich draußen vor einem Café die Sonne genieße, setzen sich zwei junge Frauen zu mir. Wir kommen ins Gespräch – auch über die Zeit der Diktatur an diesem Ort. Sie verteidigen diese. Ich mache auf die Beschränkungen der Freiheit und die großen Umweltschäden aufmerksam, die auf die Planwirtschaft und deren Mängelverwaltung zurückzuführen sind. Freiwillig sind 17,5 Millionen Menschen nicht unter solchen Bedingungen geblieben und haben ihre Arbeitskraft zu Verfügung gestellt. So etwas interessiert die beiden nicht, es geht ja um die große Idee.

Ich schlittere fast unmerklich in eine Psychose, die durch Feindseligkeiten im Kiez und Trigger Momente noch aus der der Diktatur befeuert wird. Meine direkte Berliner Art stößt hier auch einigen sauer auf, die den sozialen Umgang in einer Metropole wie Berlin nicht gewohnt sind.

Sommerintermezzo

„Handle stets so, dass sich deine Möglichkeiten erweitern“

frei nach Heinz von Foerster

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(Text zwanzig Jahre zuvor)

An einem Samstagabend im Spätsommer war ich mit Freunden unterwegs, um einer Bar einen Besuch abzustatten in der einige von ihnen eine Woche zuvor angegriffen wurden. Wir wollten den Aggressoren eine Lektion erteilen. Ich ging als erster hinein, erkundete die Lage und stellte eine größere Gruppe Jugendlicher im Billiardbereich zur Rede. Alle stritten ab, etwas damit zu tun zu haben und aufgrund der schlechten Beleuchtung eine Woche zuvor war dann auch keiner von denen identifizierbar.

Wir gaben uns damit zufrieden und nahmen noch einen Drink in der zweiten Reihe der vollbesetzten Bar.

Als ein Hocker frei wurde nahm ich, ohne jemanden zu fragen, einfach Platz – mein Adrenalinspiegel war wohl noch ziemlich hoch. Rechts neben mir saß eine Frau mit einer voluminösen, kräuseligen, roten Dauerwelle. Eine Frisur hinter der man sich gut verstecken kann. Sie gefiel mir. Wir sprachen an der Bar über existenzielle Dinge des Lebens und es fielen Begriffe wie Seelenverwandtschaft. Als Verächter des Smalltalks tat ich mich sonst schwer mit Frauen bei solchen Gelegenheiten in Kontakt zu kommen – ich hielt es für verschwendete Zeit. Aber jetzt saß sie ja neben mir und wir hatten reichlich Gesprächsstoff.

Nachdem sich meine Freunde, besorgt um meine Sicherheit, von mir verabschiedet hatten, schlug sie einen Spaziergang vor. Ich willigte ein, wir verließen den geschlossenen Raum und hatten die sternenklare Nacht für uns. Während sie mich mit Ortskenntnis

um das Gebäude herum führte ließ ich mich dazu verführen meinen rechten Arm etwas unbeholfen, um ihre Schulter zu legen. Sie entwand sich mir und ging auf eine Bank zu. Ihr fröstelte in ihrem langärmeligen lindgrünen Shirt. Ich zog meine Jacke aus, legte sie um ihre Schultern und setzte mich neben sie. Mit einem Lächeln wies sie mich darauf hin, dass mir ja nun kalt sein müsse.

Zehn Minuten später gingen wir wieder hinein und sie fragte mich, ob ich ihre Telefonnummer haben wolle. Ich bejahte erfreut. Nach-dem sie sich trotz ihres Vorschlages noch etwas zierte und mir das Versprechen abnahm, wirklich anzurufen, erhielt ich sie. Wir gingen noch zusammen hinaus, verabschiedeten uns mit einem Kuss auf die Wange und gingen allein nach Haus. Ich schaute ihr hinterher, sie spürte meinen Blick und ging stolz und anmutig auf ihren Hauseingang zu.

Die darauffolgende Woche musste ich oft an sie denken, kaufte mir eine neue ausziehbare Couch – die alte war wirklich nicht mehr vorzeigbar – und versuchte mich, so gut es ging, auf die Arbeit und mein Fernabitur zu konzentrieren. Am Ende der Woche wurde das Möbel geliefert und ich war bereit mich mit ihr zu verabreden. Am Telefon neckte ich sie auf die Frage, warum ich nicht schon früher angerufen habe, mit einem „ Ich wollte dich etwas zappeln lassen“ und verabredete mit ihr für den folgenden Dienstag ein Abendessen beim Italiener.

Ich stand vor den Namensschildern des Hauseingangs eines Plattenbaus der siebziger Jahre, drückte die Klingel mit dem Namensschild eines Dr.phil. und wartete auf eine Reaktion.

Die Gardine im Hochparterre wurde zur Seite geschoben, ich sah eine Menge roter Haare, ihre braunen Augen und hinter ihr im undeutlichen Schein der Reflexionen die Gestalten zweier Männer. Sie winkte mir zu und verschwand hinter dem sich noch bewegenden Stoff.

Ich nahm sie am Eingang in Empfang und sie schob mich in die entgegengesetzte Richtung der Fenster ihrer Wohnung den Gehweg am Riegelbauungetüm entlang. Wir nahmen einen Umweg, den sie mit einem beeindruckenden Monolog füllte.

Wir bestellten unser Essen – sie einen Salat und ein Wasser – und rutschten nervös auf unseren Stühlen umher. Der Salat war okay, das Dressing nicht. Ich rief den Kellner, um ihn darauf aufmerk-sam zu machen und sie versuchte mich mit den Worten „Lass doch“ verlegen daran zu hindern.

Wir bezahlten getrennt, weil sie sich nicht einladen lassen wollte, und gingen an dem kühlen Abend auf meine Wohnung in einem Gründerzeitviertel Berlins zu.

Ihren Mantel abnehmend bot ich ihr etwas zu trinken an und ließ sie einen Blick in alle Räume meiner kleinen, dunklen Hinterhof-wohnung werfen. Sie setzte sich nach einem Rundblick auf den Sessel gleich neben der Tür zum Flur und lobte mich für meine Einrichtung. Ich nahm ihr gegenüber Platz und schaute sie an

– sie wollte nichts trinken. Nach einer kurzen Pause meinte sie unvermittelt mit einem Blick auf den Teppichboden, dass wir es ja dort machen könnten.

Ich machte ihr einen Pfefferminztee und sie erzählte mir, ihre fast knabenhafte Gestalt mit der großen Oberweite in den viel zu breiten Sessel drückend, von ihrem Leben. Aufmerksam zuhörend verlor ich langsam den Boden unter den Füßen.

„Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich war wegen meiner Depressionen bei einem Psychologen, der mich über meine Familie und mein Umfeld ausfragen wollte. Ich konterte mit einer Frage nach seiner Familie und bestimmte mit meinen Fragen die Sitzung.“

„Die Psychologen sind auch keine Hilfe.“

„Mein Exfreund hat mich geschlagen-Nach einer Vergewaltigung von ihm habe ich die Beziehung beendet und als er mich mit einem Tripper ansteckte, schlief ich auch nicht mehr mit ihm-Ich habe Angst, dass er Alkoholiker wird und weiß nicht, wie ich das ändern kann. Ich liebe ihn immer noch.“

„Beim ersten Mal werde ich einfach nur daliegen-Ich muss in einem Durchgangszimmer schlafen-Wenn mein Vater betrunken ist, dann ist er gemein zu mir – Ich rede nachts oft mit meiner Mutter. Sie hatte Schizophrenie und hängte sich in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie auf. Ich war zwölf. Mein Vater sagt immer, sie hat uns im Stichgelassen-Ich finde es mutig das Leben selbst zu beenden. Kannst Du Dir vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn man vergewaltigt wird?“

Ja. Ist mir auch mal passiert.

„Wie war es denn? und was hast du dabei gefühlt?“, fragte sie weiterhin tonlos und mit unbewegter Miene.

Ich war zwölf und fand es Scheiße.

„Was hat er gemacht?“

Er hat mich gezwungen ihn anzufassen und hat mich berührt. Dann wollte er…

„Was hast du dabei gefühlt?“

„Denkst du ich bin prüde?“

„Ich trinke keinen Alkohol.“

„Du musst mich überrumpeln.“

Ich machte ihr noch einen Pfefferminztee und brachte sie dann nach Hause.

Die nächsten Tage konnte ich mich kaum konzentrieren.

Ich rief sie an und verabredete den gemeinsamen Besuch einer Diskothek.

Ich unterschätzte die Entfernung und schlug vor, auf ein Taxi zu warten.

„Ich bin sehr willensstark.“

Ich ziehe auch durch, was ich mir in den Kopf setze.

Wir standen an einer verlassenen Straßenecke und mir dauerte es schon zu lange. Kein Taxi in Sicht. Der nächste S-Bahnhof war in Sichtweite und ich schlug vor die Bahn zu nehmen.

„Ich glaube, Du bist nicht sehr intelligent“, sagte sie in einem verletzenden Tonfall.

Wir gingen bei spärlicher Straßenbeleuchtung den Weg am Park nach Hause und sie fragte mich mit einem Blick auf die undurchdringlichen Büsche, ob wir nicht hinein gehen wollen. Ich hatte keine Lust und viele umformulierte Fragen in meinem Kopf.

Im gleichen Sessel sitzend meinte sie, dass ich ihr dabei sagen müsse, wie wunderschön sie sei.

„Ich habe Angst, dass mein Vater durch seinen Alkoholismus seine Arbeitsstelle verliert. Ich würde ihn nie im Stich lassen.“

„Ich werde dich schlagen.“

„Ich kann keine Gefühle zeigen. Ich bin verletzend ehrlich.“

„Wenn ich mich wegdrehe und nicht mehr mit dir spreche, dann musst du etwas ganz Bestimmtes zu mir sagen, um mich umzustimmen.“

Was denn?

„Könntest du eine Frau schlagen?“

Nein, ich weiß nicht. Habe ich noch nie getan.

„Wir können uns nur unter der Woche sehen, am Wochenende bin ich mit meinen Freunden unterwegs.“

„Ich mag es nicht auf der Straße Hand in Hand zu laufen oder mich in der Öffentlichkeit zu küssen.“

Sie steht auf und geht im Zimmer umher.

„Wozu brauchst Du denn einen Schreibtisch?“

Ich mache ein Fernabitur. Fast jeden Tag nach der Arbeit sitze ich dort.

„Gibt es dort auch ein Punktesystem? Ich find das blöd und undurchsichtig.“

Nein, ich lerne den Stoff innerhalb von zwei Jahren und melde mich dann zur Prüfung an.

„Das ist doch viel besser.“

Ich stehe dicht neben ihr und bemerke, wie sich ihr ganzer Körper verspannt. Ich kann ihre Angst und ihre Kälte spüren.

Meine Konfusion störte meine Beziehungen und meine Arbeits-leistung erheblich. Ein Mitarbeiter meinte, diese Frau sei nicht gut für mich. Das wusste ich selbst, aber es gab niemanden der ihr helfen konnte (bin ich Gott?). Ich konnte sie nicht alleine lassen.

Ich träumte von dem Durchgangszimmer das zum Schlafzimmer ihres Vaters führte und von ihrem betrunkenen Vater. Ich wachte schweißgebadet unter einem grauen Himmel auf.

Meine Unzufriedenheit mit meiner Situation und die Vorstellung von Abitur und Studium wurden von diesen Sorgen verdrängt.

Ich stand wie üblich eine halbe Stunde vor der Telefonzelle, um mit ihr zu sprechen. Telefonanschlüsse waren noch rar.

Hallo, ich habe lange nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich eine Auszeit brauche. So zwei bis drei Wochen vielleicht.

„Dann hast du mich bestimmt schon vergessen!“

Nein, ganz sicher nicht. Ich brauche nur etwas Abstand zum Nachdenken.“

„Ist es meine Schuld?“, fragte sie verzweifelt – und leiser „Ich weiß, was ich falsch gemacht habe.“

Nein, ich weiß nicht. Es liegt an uns beiden. Lass mir etwas Zeit.

„Ich wusste, dass es an dir liegt!“, sagte sie mit klarer und hasserfüllter Stimme.

„Wollen wir übermorgen ins Kino gehen? Am Kudamm läuft ein Film den ich schon lange sehen wollte. Falling Down.“

Ja, meinetwegen, sagte ich völlig irritiert.

„Kommst Du mich abholen?“

Das schaffe ich nicht, aber wir können uns ja abends um sechs an der U-Bahnstation treffen.

„Bis dann.“

Wieso hast Du einen Rucksack dabei?

„Dort ist ein Geschenk für dich drin.“

Was denn für eins?

„Das verrate ich nicht.“

„Willst du wirklich ins Kino?“

Ja, ich hab mich schon darauf gefreut.

„Du bist nicht sehr flexibel?!“

„Weißt du wie es die Schweine machen?“

Sie legte ein so schnelles Tempo vor, dass ich ihr kaum folgen konnte.

Nun lauf nicht so schnell. Ich muss mit dir reden.

Keine Reaktion.

Nun bleib doch mal stehen.

„Wir können auch im Laufen sprechen.“

Unbekümmert ging sie im gleichen Tempo weiter und ich war kurz davor mich ärgerlich umzudrehen und sie ihren Weg gehen zu lassen. Ich mag solche Spiele nicht – vor allem dann, wenn sie ernst sind.

Ich konnte sie nicht gehen lassen.

In der vollen S-Bahn standen wir dicht voreinander. Sie reckte ihren Kopf zu mir hoch und hielt mir ihre Lippen entgegen. Ich war noch zu verärgert.

„Ich bin nur 1,54. Ich bin so klein.“

Nein, du bist genau richtig.

„Du freust dich gar nicht über das Geschenk!“

Zu Hause angekommen packte ich es aus und machte ihr den Vorschlag die Rotweingläser einzuweihen.

„Nein, ich trinke nichts.“

„Wir werden zusammensitzen und ich werde mich bei dir ausweinen.“

Sie war total verspannt.

Ich schaute in ihre braunen Augen und erschrak über die bodenlose Leere in ihrem Blick.

„Ich hatte schon seit drei Wochen keinen Sex mehr“

Bei mir ist es schon ein viertel Jahr her.

„Wie hältst du das aus?“

Da gibt es nichts auszuhalten, wenn ich welchen habe ist es gut und wenn nicht ist es auch nicht so schlimm.

„Hast du einen Tripper?“

Das Gespräch versandete.

Ich brachte sie zur Hauptverkehrsstraße und sah wie sie neben mir lief. Die Schultern hochgezogen und nach vorne gekrümmt.

Den Kopf hängend.

Ich wollte und konnte nichts mehr hören, rief ein Taxi, setzte sie hinein und nötigte ihr das Fahrgeld auf.

Beim nächsten Telefonat meinte sie, sie glaube, ich sei eine Persönlichkeit und sorgte mit vielen weiteren Worten für das Fliegen  der Schmetterlinge in meinem Bauch.

Ich rief sie wieder an und wollte sie sehen. Sie sehe mit einer Freundin und ihrem Vater einen Film, aber ich könne ja später noch einmal anrufen, gab sie zurück.

Sie stand an der Straßenbahnhaltestelle in dem kleinen Schwarzen mit langen Ärmeln, dazu schwarze wollene Strümpfe die knapp unter dem Kleid endeten und halbhohe dunkelbraune Schnürstiefel.

Sie war wunderschön.

„Du kommst fünf Minuten zu spät. Mit der nächsten Bahn wäre ich

zurückgefahren.“

Sie hatte Alkohol getrunken.

Ich setzte mich neben ihren Sessel auf den Boden und bat sie, sich

neben mich zu setzen.

„Neiiin.“, sagte sie mit einem lang gezogenen ängstlichen Ton der zu einem kleinen Mädchen gepasst hätte.

Ich stand auf und sah sie unschlüssig an.

„Ich mag fleischige Männer.“, sagte sie übergangslos.

Ich habe keine Probleme mit mir.

Sie sah zu mir hoch und leckte mit ihrer Zunge über ihre Oberlippe.

„Willst Du mir nicht die Schuhe ausziehen?“

Ich wollte nicht.

In meiner Frühstückspause rief ich sie an, weil ich mir Sorgen machte.

Wie geht es Dir? Du bist gar nicht in der Schule.

„Ich gehe heute nicht. Ich bin im Bett und mir geht es schlecht.“

Ich mache frei und komme sofort zu Dir.

„Nein! Ich will nicht, dass du mich so siehst!“

Mein Chef ließ mich aufgrund meiner schlechten Leistungen in den letzten zwei Wochen nicht gehen.

Am Samstag lernte ich ihren Freundeskreis kennen. Die meisten waren mir sofort sympathisch.

Sie ignorierte mich den ganzen Abend, antwortete mir nur kurz und unterhielt sich mit ihrer Freundin.

Frau Garstig, sagte jemand als die Sprache auf sie kam. Ihre Freundin kam zu mir und bat mich, auf sie zuzugehen. Ich setzte mich neben sie. Sie hielt mir ihren geöffneten Mund entgegen.

Ich steckte meine Zunge hinein und blickte in die Augen meiner Mutter.

Altneuland

So heißt Tel Aviv in der wörtlichen Übersetzung, was ich in der „Independence Hall“ am Anfang des Rothschildboulevards gelernt habe. In dieser Halle gibt es gegen ein kleines Eintrittsgeld ein Video zu den Anfängen der Stadt und zur Staatsgründung Israels 1948 zu sehen und den Raum, in dem der neue Staat ausgerufen wurde, in Originalaustattung.

Das heutige Tel Aviv war, abgesehen von dem kleinen Vorort vor Jaffa, eine ausgedehnte Wüste, die urbar gemacht oder richtiger: urbanisiert wurde.

Ganz Israel wird seit Jahrzehnten urbar gemacht, indem zum Beispiel seit 100 Jahren jährlich 3-4 Millionen neue Bäume gepflanzt werden. Die Israelis gestalten aber nicht nur ihre Umwelt neu, sondern haben auch ihre alte hebräische Sprache, die nur noch die Torasprache war, reaktiviert und in eine moderne Sprache transformiert. Die Leistungen lassen sich nicht hoch genug einschätzen.

Auf meinen Spaziergängen durch die Stadt traf ich auf einen Markt der Kunsthandwerker gleich bei der Allenby Street. Während des Laubhüttenfestes findet er täglich statt, sonst nur am Freitag vor dem Shabbat.

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Wie auf allen Märkten gibt es auch dort Gelungenes und weniger gut Gelungenes – von Letzterem spare ich mir die Bilder.2018-09-25 11.37.29

Die Damen am Teig habe ich um Erlaubnis gebeten – sie bereiten gefüllte Fladenbrote.2018-09-25 11.48.55

Ich staune immer wieder über das viele Grün in der Stadt und die Offenheit der Bewohner. Im „Salon Berlin“ schenkte mir eine Israelin nach einem langen Gespräch ein Feuerzeug bevor sie ging (obwohl meines noch auf dem Tisch lag) – dort stand in kursiv „Love“ drauf.

Mit einem letzten Bild, das Lina, eine Kunststudentin an der hiesigen Universität, für 100 Scheckel von mir malte (Acryl auf Karton gespachtelt), verabschiede ich mich von meinem kleinen Projekt „Reiseblog“ und werde morgen, den letzten Tag, fast ausschließlich am Strand verbringen. 2018-09-27 13.37.03

See you in Berlin!

Stadtspaziergang

Heute ist der Beginn des sechstägigen Laubhüttenfestes, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert. Auf der vierzigjährigen Wanderung konnten keine steinernen Bauten errichtet werden, weshalb aus Holz und Reisig eben Laubhütten als temporäre Unterkunft gedient haben. Der erste Tag ist ein Feiertag – ich nehme hier im Urlaub gerade die wichtigsten jüdischen Feiertage mit.

In Ermangelung offener Galerien oder Museen spazierte ich die Allenby Street bis zum Rothschild Boulevard hoch und begab mich auf diesen. Es ist eine große Alleestraße mit Promenade in einer ausgedehnten Wohngegend.2018-09-24 09.32.20

Unterwegs trat ich auf eine Gedenktafel.2018-09-24 09.15.24.jpg

und sah noch ein beispielhaftes Wohngebäude im Bauhausstil.2018-09-24 09.38.08

Der Rothschild Boulevard eignet sich hervorragend zum Flanieren, denn in der Mitte der Promenade finden sich immer wieder Cafés, Kinderspielplätze oder einfach Orte zum Ausruhen und Zeitung lesen. Ich lief also den gesamten Boulevard herunter und beschloss in einem mir bereits bekannten Café ausgiebig zu Frühstücken – ein klassisch israelisches Frühstück mit Eiern, Salat, saurer Creme, Thunfisch usw. sowie Cappuchino und frisch gepresstem Orangensaft.2018-09-24 10.09.33-1

Vieles hier erinnert an Europa, weil hauptsächlich europäische Juden nach Israel immegriert sind und hat doch wieder etwas ganz Eigenes.

Am Abend war ich noch in einer Bar mit Dachgarten „tales of a cat“ und unterhielt mich mit einer israelischen Studentin, die in Neapel Medizin studiert.2018-09-24 17.15.53

Yad Vashem

„Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“ nach Jesaja

Yad Vashem ist die bedeutenste Gedenkstätte an den Holocaust und ist von der Knesset als eigenständige Behörde institutionalisiert worden. Die Erinnerungsstätte und das Museum stehen in Jerusalem.

Auf dem Weg vom Parkplatz zum Eingangsgebäude geht man durch die „Allee der Gerechten der Völker“, wo für jeden nichtjüdischen Retter von Juden vor den Nationalsozialisten ein Baum mit Gedenktafel gepflanzt wurde und wird – Oskar Schindler als prominentes Beispiel.2018-09-23 09.46.28

Den Eingang zu den Gedenkstätten und dem Museum markiert das Eingangsgebäude in dem die Audioguides geordert werden können, Rucksäcke und Taschen hinterlegt werden sowie im Untergeschoss eine kleine Cafeteria für das leibliche Wohl sorgt.2018-09-23 09.34.58

Wir hatten leider nicht die Zeit, uns den gesamten Komplex anzuschauen, so dass wir uns auf das Museum konzentrierten.

Direkt hinter dem Gebäude  befindet sich der Eingang zum im Schnitt und Giebelansicht dreieckigen Museumsbau. Durch das Langhaus zieht sich ein gerader Weg, der durch Absperrungen immer wieder unterbrochen ist und in die seitlichen Räume führt – wie bei Ikea, nur ohne Abkürzung.2018-09-23 09.48.09

Der Weg wird von oben belichtet und führt vom Jüdischen Leben in der Zeit vor 1933 an der Giebelinnenseite, auf der ein Film mit Aufnahmen von dieser Zeit abgespielt wird, über die Stationen der Judenverfolgung bis zur anderen Giebelseite, die einen Ausblick auf das gelobte Land bietet – die alte und neue Heimat Israel. Der Weg dorthin ist schrecklich.

Er führt vom Mittelalter, wo die Juden als Mörder Jesu angesehen wurden (obwohl er ja selber Jude war) und der religiös motivierten Verfolgung/ Demütigung bis zur Moderne und der Rassenlehre. Es wird aufgezeigt wie sich der Antisemitismus im Laufe der Zeit wandelte, aber als Konstante erhalten blieb. Die Verlierer der Moderne in Deutschland klammerten sich dann an die Rassentheorie, um irgendjemanden die Schuld für eigenes Versagen oder widrige Umstände geben zu können. Hier spielen auch die gesellschaftlichen Verwerfungen nach dem verlorenen 1. Weltkrieg eine große Rolle.2018-09-23 10.00.10-1

Im Bild die Bücher, die auf dem August-Bebel-Platz in Berlin auf den Scheiterhaufen geworfen wurden – als Sperrung des oben genannten Weges.

Danach wurde verdeutlicht, wie der Antisemitismus als Bestandteil der Naziideologie zur Staatsräson werden konnte und welche Auswirkungen es auf die Juden in Deutschland hatte. Die meisten Juden dachten ja, das geht wieder ohne großen Schaden vorbei – soviel Vertrauen hatten sie in ihre Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen. Durch eigene Erfahrung mit einer Diktatur weiß ich leider, dass dieses Vertrauen nicht immer gerechtfertigt ist…

In den Räumen links und rechts des Weges die man in Schlangenlinien durchlaufen muss, wird das Erleben der Juden als Ganzes und auch anhand von Einzelpersonen und deren Zeugnissen veranschaulicht. Betten aus Konzentrationslagern stehen dort, ein längs geteilter Waggon, der Juden nach Auschwitz transportiert hat und ein Modell einer Anlage zur Vernichtung durch Gas – von der Umkleide über die „Duschen“ bis zum Krematorium.2018-09-23 10.23.57

Es wird aber nicht nur die Opferperspektive gezeigt, sondern auch dokumentiert, dass es durchaus Juden gab, die sich gewehrt haben, wie im Warschauer Ghetto oder in Frankreich in der Resistance.

Fast am Ende des Weges dann die Befreiung durch Russen und Amerikaner – der letzte Halt ist dann die 2018-09-23 10.47.29Halle der Namen, in der in großen Ordnern die Namen von annähernd sechs Millionen Juden stehen, die im Holocaust ermordet wurden.

Ich sah eine Frau mit großen Tränen in den Augen und war versucht sie zu drücken, aber ich dachte gleichzeitig, dass ich als Deutscher nicht das Recht dazu habe. Vielleicht hätte sie es auch ganz anders aufgenommen, aber ich bin da zu befangen…

Yad Vashem ist nicht nur eine Gedenk-, sondern auch eine Forschungsstätte. Es gibt online ein Namensregister, in welchem die Namen aller ermordeten Juden aufgelistet sind: http://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Mein Name tauchte in verschiedenen Schreibweisen auf 41 Seiten a 50 Personen auf… jetzt weiß ich, warum er so selten geworden ist.

Old Jerusalem

50 km von Tel Aviv entfernt befindet sich Jerusalem, die alte, mit Religionen und Bedeutung überladene Stadt, in der zur Zeit ein einigermaßen konfliktfreies Leben unmöglich erscheint.

Ich hatte bisher die Vorstellung, dass Jerusalem eine Stadt in der Ebene sei – weit gefehlt, denn sie wurde auf einem Hügel in einer Hochebene errichtet. Die Datenlage zur ersten Gründung der Stadt ist nicht gesichert – um 1800 v. Christus wurde jedenfalls die erste Stadtmauer errichtet.

Wir hatten eine jüdische, aber säkulare Führerin – wie sie selbst sagte. Wir betraten die Stadt durch das Jaffa Tor, welches zugleich der Zugang zu einer Festung innerhalb der Mauern Jerusalems war.2018-09-23 11.30.41

Daran schließt sich gleich das Armenische Viertel an – Jerusalem hat ein Jüdisches, ein Armenisches, ein Christliches und ein Muslimisches Viertel. Die Armenier fanden nach dem Genozid 1915 durch die Osmanen (Franz Werfel hatte hierzu ein Buch mit dem Titel „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ geschrieben – sehr lesenswert) Zuflucht in Jerusalem und konnten genug Grundeigentum erwerben, um dort seßhaft zu werden . Die Armenier haben auch besondere Rechte in Jerusalem, da sie als das erste christliche Volk gelten (einer der Jünger Jesu war Armenier, aber fragt mich nicht welcher). Daran schließt sich gleich das jüdische Viertel an, die zusammen auch das Berverly Hills von Jerusalem genannt werden, weil es die wohlhabenen Viertel der Stadt sind.

Dort waren wir an der westlichen Stadtmauer, die auch als Klagemauer bekannt ist, weil oberhalb dieser Mauer der Tempel Davids stand – dieKlagemauer erinnert die Juden an diese verlorene heilige Stätte auf dem Tempelberg auf der jetzt wiederum die al-Aqsa-Moschee steht. Die Stadt hat eine so wechselvolle Geschichte und so viele Stadtumbauten erlebt, dass ich jetzt nicht weiter darauf eingehe – Wikipedia widmet dem einen eigenen Artikel.2018-09-23 13.23.22

Die Goldene Kuppel gehört zur Moschee, darunter die Klagemauer.

Wir sind bis an die Mauer gegangen, wo die Juden nach Geschlechtern getrennt beten. Für orthodoxe männliche Juden ist es Pflicht, dreimal am Tag zu beten, die Frauen sind davon befreit, wie auch von einer Kopfbedeckung.

Wir sind dann weiter durch das muslimische Viertel deren Gassen (im alten Jerusalem sind alle Straßen Gassen) von Marktständen gesäumt sind. 2018-09-23 13.54.48Dort trafen wir dann auf die Via Dolorosa (Weg des Leidens), die nach dem Kreuzgang Jesu benannt wurde. Vom Ort der Verurteilung zur Kreuzigung bis nach Golgota, das im antiken Jerusalem außerhalb der Stadt lag, war es nicht sehr weit, vielleicht 600m. Im Bild unten der jetzige Aufgang zum Ort der Kreuzigung.2018-09-23 14.07.31

Die Kreuzigung fand traditionell auf einem Steinbruch statt und das Grab war gleich nebenan. So dass beide Orte in eine Kirche passen – die Grabeskirche, die bereits seit 1600 Jahren dort steht. 2018-09-23 14.22.14 Diese wird von vier orthodoxen christlichen Gemeinschaften und einer katholischen zugleich beansprucht und betrieben. Der Ort der Kreuzigung im Bild unten.2018-09-23 14.26.17

25m weiter dann das Grab in der großen Rotunde der Kirche. Obwohl ich selber säkular bin, habe ich für meinen Vater, der sehr katholisch war, eine Kerze angezündet. Ich hatte mich dort an ihn erinnert und dachte, wenn ich es schon mache, dann ist dieser Ort am Besten dafür geeignet.2018-09-23 14.36.46

Einer Frau, die ein ganzes Bündel solcher Kerzen in der Hand hatte, wollte ich eine abkaufen. Sie hat sie mir geschenkt.

Wir haben dann noch ein Schawarma gegessen und sind oberhalb der Stadt auf den Ölberg gefahren, um einen Blick zurück auf die Altstadt werfen zu können.

Wir waren auch in Yad Vashem, aber dem muss ich einen eigenen Beitrag widmen.

Old Jaffa II

Da ich über den Luxus Zeit verfüge, war ich heute nochmal in Jaffa, um mir den Hafen und andere Gegenden anzusehen, wo ich nocht nicht war.2018-09-22 09.14.36

Dieses Mal bin ich nicht auf die Festung gestiegen, sondern habe den unteren Weg zum Hafen genommen. Auf dem Bild sieht man im Vordergrund die Moschee und dahinter den Kirchturm. Jaffa ist multireligiös – jüdisch, muslimisch und christlich – wobei das Christliche aus historischen Gründen dominiert. Gleich links hinter der Kurve gab es einen kleinen Aufstieg zu einer romanischen, dreischiffigen Hallenkirche, die im Innenraum noch griechisch beschriftet war – also christlich-orthodox mit wunderschönen Wandmalereien.2018-09-22 09.22.22

Ich bin dann weiter zum Hafen, der nicht besonders groß ist und in dem ich mir nur alte Karavellen und andere Segelschiffe vorstellen konnte. Zur Zeit liegen dort vor allem kleine Segler mit einer Länge von bis zu 12m.2018-09-22 09.28.42

Ich lief um die Festungsanlage herum, dessen Hügelkamm sich länger ausdehnte als gedacht und fand mich mitten in einer Wohngegend wieder – ich hatte zwar noch die grobe Orientierung und wusste noch, wie ich zurück komme, aber ich wollte den Markt vom letzten Mal von der anderen Seite erreichen.

Ich traf eine Frau mit Namen Rose, die mir den Weg erläuterte und mich auch gerne begleitet hätte, um mir mehr von ihrer Stadt zu zeigen, wenn sie nicht auf dem Weg gewesen wäre, ihr Kind von einem Kurs abzuholen. Schade eigentlich. Ich ging also weiter und entdeckte auf den Häuserwänden Graffitis mit „Free Gaza“ und „Free Palestine“. Auf einmal stand ich in einer schmalen Gasse mit heruntergekommenen Fassaden und jungen Männern in den Hauseingängen – mir wurde mulmig zumute. Aufs Äußerste gespannt lief ich schnellen Schrittes weiter, bis ich auf die Yefer Street traf, die ich bereits kannte und mir dort in einer Bäckerei etwas Wegzehrung kaufte – Blätterteig mit Spinatfüllung. Das ist die kleine Kugel, die auf der Scheibe des Fladenbrotofens liegt.2018-09-22 09.54.53

Ich fand den Markt wieder, dessen Läden an Shabbat allerdings geschlossen haben – nur die Gastronomie hatte geöffnet. Zum Mittag nahm ich dann ein traditionelles Hummus, das sehr lecker und sättigend war.2018-09-22 10.40.23

Ich trank noch einen starken Kaffee und machte mich auf den Rückweg.

Jetzt habe ich etwas Muskelkater in den Beinen und werde mich wie üblich nachmittags an den Strand legen, denn morgen wird ein anstrengender Tag.

tel aviv museum of arts

Heute habe ich den kulturellen Höhepunkt in Tel Aviv erklommen, denn ich habe mich ins Kunstmuseum der Stadt begeben.

Auf dem Weg dorthin fielen mir noch einige sehenswerte Bauten der Moderne auf und ich war im Bauhausmuseum, welches nur eine kleine Galerie mit Kaufladen ist und Führungen anbietet – letzteres muss ich mir noch überlegen, denn die Bauhausgeschichte kenne ich sehr gut aus dem Studium.

Auf dem vier Kilometer langen Weg durch die Stadt der Moderne sah ich sehr viel Grün – keine Parkanlagen, sondern hohe Bäume jeder Art. Am Museum wird man von der Skulptur mit dem Titel „Ewige Jugend“ begrüßt.2018-09-21 10.22.44

Der Haupteingang war wegen Umbauarbeiten geschlossen und wir mussten den Eingang des Erweiterungsbaus nutzen.2018-09-21 10.24.58

Das ist zeitgenössische Architektur aus dem Jahr 2011 und heißt Herta and Paul Amir Building nach den Stiftern. Es erinnert an das jüdische Museum in Berlin von Daniel Libeskind, stammt aber aus der Feder von Preston Scott Cohen aus den USA.

Eine große Ausstellung ist den israelischen Künstlern seit Staatsgründung durch Ben Gurion gewidmet. Ansonsten ist die gesamte Kunstgeschichte von Monet über de Chirico bis zur Moderne und zeitgenössischer Kunst abgebildet. Ich habe mich gefreut, einige Bilder von Chagall und Picasso im Original sehen zu können – hier Frau mit Brust:2018-09-21 12.41.12

Aber auch das Museum und insbesondere der Erweiterungsbau von Cohen waren sehenswert. In der Mitte gibt es einen kleinen Lichthof, um den sich die verschiedenen Geschosse mit ihrer Erschließung winden und in der Tiefe die Ausstellungen bergen.2018-09-21 11.56.59

Der Lichthof zieht sich über fünf Geschosse und endet in der Cafeteria im 2. Untergeschoss.

Auf dem Rückweg habe ich mich dann nach vier Stunden Museumsbegehung verlaufen und landete in der King Georg Street (der Name erinnert übrigens an die Britische Besatzungszeit). Da die Stadt mit ihren 400.000 Einwohnern aber nicht so groß ist, habe ich schnell wieder ein bekannte Straße gefunden.

Am späten Nachmittag ist dann wieder Schwimmen angesagt – ich habe hier volles Programm!

Nachtrag

Am Abend war ich noch in einem Pub, der sich „Salon Berlin“ nennt. Bier aus Berlin gab es dort aber nicht – nur Hefeweizen aus Süddeutschland.2018-09-21 19.07.30

Dort lernte ich jemanden kennen, der in der Nähe von Jerusalem aufgewachsen ist und als Musiker aus der Einöde nach Tel Aviv emigrierte. Er war zarte 29 Jahre alt und wusste nichts über den kalten Krieg. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass es der Konflikt zwischen Kommunismus und Kapitalismus war und der Kommunismus diktatorisch, meinte er erstaunt, dass sich Kommunismus und Diktatur ja ausschließen würden – ganz meine Meinung! Aber bevor wir dort landen, müssen eben Maschinen und Roboter die Arbeit übernehmen – die manuelle. Naja, das ist ein weites Feld….das führt jetzt zu weit – ich habe Urlaub!

Old Jaffa

Heute war ich die alte Hafenstadt Jaffa besuchen, die auch zu Tel Aviv gehört (deshalb Tel Aviv-Jaffa), aber bedeutend älter ist – sie existiert seit der Antike und Tel Aviv war ein Vorort von Jaffa. Das hat sich im 20. Jahrhundert umgekehrt.

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Auf dem fünf Kilometer langen Weg entlang des Strandes liegt das Tourismusbüro der Stadt. Dort buchte ich für Sonntag eine Tour nach Jerusalem. Es gibt diese Touren auch mit einer Deutschen Führung, die ich dann auch genommen habe. Der Unterschied zu den anderen Jerusalemtouren ist die Besichtigung von Yad Vashem – dem Holocaustmuseum. Ich sagte dann „how nice“ und korrigierte mich gleich wieder, denn mit nett oder schön hat das nichts zu tun.

Auf dem Gipfel der höchsten Erhebung, der um 1100 von Kreuzfahrern befestigten Stadt, steht eine Christlich-Orthodoxe Kirche mit einer wunderschönen Deckenmalerei.2018-09-20 10.52.08

Das Foto ist etwas unscharf, dafür leuchten die Farben.

Vom höchsten Aussichtspunkt gab es dann einen malerischen Blick zurück auf Tel Aviv mit seiner Skyline.2018-09-20 10.57.33

Das alte Jaffa besteht vorwiegend aus Ladengeschäften mit Kunsthandwerk, Antiquitäten, Krempel, kleinen Galerien und auch Lebensmittelläden. Es macht Spaß dort zu stöbern. Dort entdeckte ich eine Galerie mit ausschließlich afrikanischer Kunst (Skulpturen aus Holz, Stein und Metall), die mir ausnehmend gut gefallen haben. Ein Foto habe ich davon leider nicht, denn nach längerer Unterhaltung mit dem Inhaber hätte ich es schäbig gefunden, mit einem Foto heraus zu gehen, ohne etwas zu kaufen. Das Bild habe ich dann in einem Fischladen gemacht, wo der frische Fang gerade ausgenommen und filetiert wurde.2018-09-20 11.06.25

Obststände gab es dort auch.2018-09-20 11.51.07

Nach einem kleinen Frühstück streifte ich dann weiter durch die kleinen Gassen der Altstadt und entdeckte einen Designladen, in dem ich für meinen Neffen zum ersten Geburtstag etwas kaufte.2018-09-20 11.50.57

In einer Galerie habe ich dann auch etwas für meine Wohnung gefunden, dass ich mit meinem kleinen Rollkoffer transportieren kann. Für 80 Scheckel habe ich eine so von mir getaufte „cat-cow“ gekauft. Öl auf Leinwand von einem israelischen Maler. Seht selbst:

2018-09-20 13.18.05

Jetzt am späten Nachmittag werde ich mich wieder an den Strand begeben, um mich in die Fluten zu stürzen.

 

Salz auf meiner Haut

Heute ist für mich ein fauler Tag, wie auch für die Israelis.

Das erste Mal habe ich mich ganz ins Wasser gewagt und bin sogar ein paar Runden geschwommen. Dann habe ich mich im Wasser liegend von den Wellen treiben lassen und wurde gebissen. Ich setzte meine Schwimmbrille auf, um herauszufinden von wem. Es sind kleine Seebarsche, die in Strandnähe im Wasser schwimmen und versuchen, die Badenden anzuknabbern – keine Sorge, es kommt nicht zu bleibenden Schäden, es zwickt nur etwas. 2018-09-19 14.41.50

Vom Morgen bis mittags habe ich am Strand gelegen, mir die anderen Menschen angeschaut und gedöst. Dann machte ich mir Mittag – Curry-Safran-Reis mit in Butter gebratenen Bananen – und döste etwas auf dem Sofa weiter. In einer Airbnb-Wohnung Urlaub zu verbringen ist schon etwas anderes als im Hotel. Auch wenn der Platz hier bescheiden ist, ist doch alles Notwendige vorhanden und ich habe es nur 200m bis zum Strand.

Das Strandleben ist wie an jedem anderen Strand weltweit. Kinder, Hunde und Machos, die ihren athletischen Körper präsentieren.

Wenn ich an meinem Unterarm rieche, habe ich wieder den Salzgeruch in der Nase und erinnere mich an den schönen Tag.2018-09-19 14.40.54

Jom Kippur und die weiße Stadt

Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag an dem vom Sonnenuntergang (definiert ab 16:00 Uhr) bis zum Sonnenuntergang des folgenden Tages alle Arbeiten ruhen müssen und gefastet wird. Es darf  wie am Shabbat kein Feuer enzündet werden (weshalb ich die armen Raucher bedauere) und weiterhin darf auch kein Kraftfahrzeug bewegt werden – der Zündfunke gilt als Feuer. Da der Großteil des öffentlichen Nahverkehrs über Busse abgewickelt wird, ruht dieser auch aus diesem Grund. Ich kann mich also nur per pedes fortbewegen, denn ein Fahrrad habe ich hier nicht. Appropo Fahrräder – die meisten, die man hier sehen kann, sind E-Bikes, bei denen selten in die Pedale getreten wird.2018-09-18 19.08.05

Am Abend strömte dann ganz Tel Aviv zur Uferpromenade, um den ersten Teil des Feiertages ausklingen zu lassen.

Ein willkommener Anlass also die weiße Stadt, die Unesco Weltkulturerbe ist, zu durchstreifen. Sie heißt weiße Stadt, weil es Bauten der Moderne sind, die von jüdischen Architekten, die vor dem Hitlerfaschismus fliehen mussten, in ihrer neuen Heimat entworfen wurden und die diese errichten ließen. Weiß, weil die Moderne allgemein für die Architektur mit weißer Fassade gilt (was übrigens so nicht stimmt, denn z.B. Bruno Taut hat sehr wohl Farbe verwendet), sie die starke Sonneneinstrahlung des hiesigen Klimas reflektiert und so die Innenräume relativ kühlt hält.

Viele Bauten sind leider in einem erbärmlichen Zustand. Hier eines im international Style.

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Es gibt hier keine Blockrandbebauung wie wir sie aus Berlin kennen, sondern es sind alles freistehende Häuser mit Abständen von 2-5m. Geschnittene Blöcke also in deren Zwischenräumen immer noch Platz für Grün ist.2018-09-18 11.16.27

Ein gutes Beispiel für die Moderne bzw. den Bauhausstil ist das Hotel Cinema – in Schrift und Gestalt. Es steht am Dizengoff Fountain Platz, auf dem eine moderne Brunnenskulptur errichtet wurde.

2018-09-18 11.18.24

Auffällig ist das viele, schattenspendende Grün in den Straßen.2018-09-18 11.07.37

Erste Begegnungen

Die Menschen in Tel Aviv sind sehr freundlich und hilfsbereit – fast jeder spricht Englisch, so dass ich auf schriftliche Informationen nicht angewiesen bin – diese gibt es fast nur in Hebräisch, was ich nicht lesen kann und selbst wenn, nicht verstehen würde. Ein Taxifahrer hatte mich gestern fast überschwenglich Willkommen geheißen – ich fühle mich hier wohl.

Ohne Englisch wäre man allerdings aufgeschmissen.

In der Nähe habe ich ein großes Einkaufscenter  gefunden in dem es auch einen foodmarket gibt – die Preise sind vergleichbar mit denen in Deutschland genauso wie das Angebot, obwohl alles koscher sein muss – das hat der Gesetzgeber so festgelegt.

2018-09-18 08.46.04

Auf dem Weg zum Einkaufscenter sind mir viele Häuser in schlechtem baulichen Zustand aufgefallen. Eine Aussenwandklimanlage hat hier jede Wohnung, das ist fast wie in New York.

Ich habe eine kleine französische Bäckerei (Le Moulin) gefunden in der es wunderbares Brot, Kuchen und Cappuchino gibt. Dort werde ich jetzt öfter meinen Kaffee trinken.2018-09-18 09.22.442018-09-18 09.20.06

Ankunft in Ben Gurion und Tel Aviv

Nach viereinhalb Stunden Flug und gewagten Flugmanövern sind wir in Ben Gurion gelandet.

An der Passkontrolle die üblichen Fragen – wohin und warum. Nachdem ich erläutert hatte, dass ich einfach nur Urlaub machen, Galerien und Museen besuchen und am Strand herumliegen werde, bekam ich ein Lachen mit der Bemerkung, dass sie neidisch sei ).

Am Flughafen fielen mir viele mit Hüten, Kippa und Schläfenlocken auf, die sich aber im Stadtbild der Moderne von Tel Aviv verlieren.  Die orthodoxen Juden leben vorwiegend in Jerusalem oder in den ländlichen Bereichen und sind die Bewahrer der jüdischen Tradition.

Nachdem ich meine Unterkunft bezog, ging ich als erstes zum Mittelmeerstrand – Jerusalem Beach – , um meine Füße im Wasser abzukühlen – kalt war es nicht!

Weil ich es nicht lassen kann, habe ich mich gleich in die Stadt gestürzt und bin mit Flip/Flops und leichter Bekleidung erst einmal die gesamte Allenby Street hochgelaufen – auch auf der Suche nach einem Supermarkt, den es dort nicht gibt. Im „Tante-Emma-Laden“ waren die Preise für Kaffee, Milch und Butter gesalzen.