„Handle stets so, dass sich deine Möglichkeiten erweitern“
frei nach Heinz von Foerster
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(Text zwanzig Jahre zuvor)
An einem Samstagabend im Spätsommer war ich mit Freunden unterwegs, um einer Bar einen Besuch abzustatten in der einige von ihnen eine Woche zuvor angegriffen wurden. Wir wollten den Aggressoren eine Lektion erteilen. Ich ging als erster hinein, erkundete die Lage und stellte eine größere Gruppe Jugendlicher im Billiardbereich zur Rede. Alle stritten ab, etwas damit zu tun zu haben und aufgrund der schlechten Beleuchtung eine Woche zuvor war dann auch keiner von denen identifizierbar.
Wir gaben uns damit zufrieden und nahmen noch einen Drink in der zweiten Reihe der vollbesetzten Bar.
Als ein Hocker frei wurde nahm ich, ohne jemanden zu fragen, einfach Platz – mein Adrenalinspiegel war wohl noch ziemlich hoch. Rechts neben mir saß eine Frau mit einer voluminösen, kräuseligen, roten Dauerwelle. Eine Frisur hinter der man sich gut verstecken kann. Sie gefiel mir. Wir sprachen an der Bar über existenzielle Dinge des Lebens und es fielen Begriffe wie Seelenverwandtschaft. Als Verächter des Smalltalks tat ich mich sonst schwer mit Frauen bei solchen Gelegenheiten in Kontakt zu kommen – ich hielt es für verschwendete Zeit. Aber jetzt saß sie ja neben mir und wir hatten reichlich Gesprächsstoff.
Nachdem sich meine Freunde, besorgt um meine Sicherheit, von mir verabschiedet hatten, schlug sie einen Spaziergang vor. Ich willigte ein, wir verließen den geschlossenen Raum und hatten die sternenklare Nacht für uns. Während sie mich mit Ortskenntnis
um das Gebäude herum führte ließ ich mich dazu verführen meinen rechten Arm etwas unbeholfen, um ihre Schulter zu legen. Sie entwand sich mir und ging auf eine Bank zu. Ihr fröstelte in ihrem langärmeligen lindgrünen Shirt. Ich zog meine Jacke aus, legte sie um ihre Schultern und setzte mich neben sie. Mit einem Lächeln wies sie mich darauf hin, dass mir ja nun kalt sein müsse.
Zehn Minuten später gingen wir wieder hinein und sie fragte mich, ob ich ihre Telefonnummer haben wolle. Ich bejahte erfreut. Nach-dem sie sich trotz ihres Vorschlages noch etwas zierte und mir das Versprechen abnahm, wirklich anzurufen, erhielt ich sie. Wir gingen noch zusammen hinaus, verabschiedeten uns mit einem Kuss auf die Wange und gingen allein nach Haus. Ich schaute ihr hinterher, sie spürte meinen Blick und ging stolz und anmutig auf ihren Hauseingang zu.
Die darauffolgende Woche musste ich oft an sie denken, kaufte mir eine neue ausziehbare Couch – die alte war wirklich nicht mehr vorzeigbar – und versuchte mich, so gut es ging, auf die Arbeit und mein Fernabitur zu konzentrieren. Am Ende der Woche wurde das Möbel geliefert und ich war bereit mich mit ihr zu verabreden. Am Telefon neckte ich sie auf die Frage, warum ich nicht schon früher angerufen habe, mit einem „ Ich wollte dich etwas zappeln lassen“ und verabredete mit ihr für den folgenden Dienstag ein Abendessen beim Italiener.
Ich stand vor den Namensschildern des Hauseingangs eines Plattenbaus der siebziger Jahre, drückte die Klingel mit dem Namensschild eines Dr.phil. und wartete auf eine Reaktion.
Die Gardine im Hochparterre wurde zur Seite geschoben, ich sah eine Menge roter Haare, ihre braunen Augen und hinter ihr im undeutlichen Schein der Reflexionen die Gestalten zweier Männer. Sie winkte mir zu und verschwand hinter dem sich noch bewegenden Stoff.
Ich nahm sie am Eingang in Empfang und sie schob mich in die entgegengesetzte Richtung der Fenster ihrer Wohnung den Gehweg am Riegelbauungetüm entlang. Wir nahmen einen Umweg, den sie mit einem beeindruckenden Monolog füllte.
Wir bestellten unser Essen – sie einen Salat und ein Wasser – und rutschten nervös auf unseren Stühlen umher. Der Salat war okay, das Dressing nicht. Ich rief den Kellner, um ihn darauf aufmerk-sam zu machen und sie versuchte mich mit den Worten „Lass doch“ verlegen daran zu hindern.
Wir bezahlten getrennt, weil sie sich nicht einladen lassen wollte, und gingen an dem kühlen Abend auf meine Wohnung in einem Gründerzeitviertel Berlins zu.
Ihren Mantel abnehmend bot ich ihr etwas zu trinken an und ließ sie einen Blick in alle Räume meiner kleinen, dunklen Hinterhof-wohnung werfen. Sie setzte sich nach einem Rundblick auf den Sessel gleich neben der Tür zum Flur und lobte mich für meine Einrichtung. Ich nahm ihr gegenüber Platz und schaute sie an
– sie wollte nichts trinken. Nach einer kurzen Pause meinte sie unvermittelt mit einem Blick auf den Teppichboden, dass wir es ja dort machen könnten.
Ich machte ihr einen Pfefferminztee und sie erzählte mir, ihre fast knabenhafte Gestalt mit der großen Oberweite in den viel zu breiten Sessel drückend, von ihrem Leben. Aufmerksam zuhörend verlor ich langsam den Boden unter den Füßen.
„Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich war wegen meiner Depressionen bei einem Psychologen, der mich über meine Familie und mein Umfeld ausfragen wollte. Ich konterte mit einer Frage nach seiner Familie und bestimmte mit meinen Fragen die Sitzung.“
„Die Psychologen sind auch keine Hilfe.“
„Mein Exfreund hat mich geschlagen-Nach einer Vergewaltigung von ihm habe ich die Beziehung beendet und als er mich mit einem Tripper ansteckte, schlief ich auch nicht mehr mit ihm-Ich habe Angst, dass er Alkoholiker wird und weiß nicht, wie ich das ändern kann. Ich liebe ihn immer noch.“
„Beim ersten Mal werde ich einfach nur daliegen-Ich muss in einem Durchgangszimmer schlafen-Wenn mein Vater betrunken ist, dann ist er gemein zu mir – Ich rede nachts oft mit meiner Mutter. Sie hatte Schizophrenie und hängte sich in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie auf. Ich war zwölf. Mein Vater sagt immer, sie hat uns im Stichgelassen-Ich finde es mutig das Leben selbst zu beenden. Kannst Du Dir vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn man vergewaltigt wird?“
Ja. Ist mir auch mal passiert.
„Wie war es denn? und was hast du dabei gefühlt?“, fragte sie weiterhin tonlos und mit unbewegter Miene.
Ich war zwölf und fand es Scheiße.
„Was hat er gemacht?“
Er hat mich gezwungen ihn anzufassen und hat mich berührt. Dann wollte er…
„Was hast du dabei gefühlt?“
„Denkst du ich bin prüde?“
„Ich trinke keinen Alkohol.“
„Du musst mich überrumpeln.“
Ich machte ihr noch einen Pfefferminztee und brachte sie dann nach Hause.
Die nächsten Tage konnte ich mich kaum konzentrieren.
Ich rief sie an und verabredete den gemeinsamen Besuch einer Diskothek.
Ich unterschätzte die Entfernung und schlug vor, auf ein Taxi zu warten.
„Ich bin sehr willensstark.“
Ich ziehe auch durch, was ich mir in den Kopf setze.
Wir standen an einer verlassenen Straßenecke und mir dauerte es schon zu lange. Kein Taxi in Sicht. Der nächste S-Bahnhof war in Sichtweite und ich schlug vor die Bahn zu nehmen.
„Ich glaube, Du bist nicht sehr intelligent“, sagte sie in einem verletzenden Tonfall.
Wir gingen bei spärlicher Straßenbeleuchtung den Weg am Park nach Hause und sie fragte mich mit einem Blick auf die undurchdringlichen Büsche, ob wir nicht hinein gehen wollen. Ich hatte keine Lust und viele umformulierte Fragen in meinem Kopf.
Im gleichen Sessel sitzend meinte sie, dass ich ihr dabei sagen müsse, wie wunderschön sie sei.
„Ich habe Angst, dass mein Vater durch seinen Alkoholismus seine Arbeitsstelle verliert. Ich würde ihn nie im Stich lassen.“
„Ich werde dich schlagen.“
„Ich kann keine Gefühle zeigen. Ich bin verletzend ehrlich.“
„Wenn ich mich wegdrehe und nicht mehr mit dir spreche, dann musst du etwas ganz Bestimmtes zu mir sagen, um mich umzustimmen.“
Was denn?
„Könntest du eine Frau schlagen?“
Nein, ich weiß nicht. Habe ich noch nie getan.
„Wir können uns nur unter der Woche sehen, am Wochenende bin ich mit meinen Freunden unterwegs.“
„Ich mag es nicht auf der Straße Hand in Hand zu laufen oder mich in der Öffentlichkeit zu küssen.“
Sie steht auf und geht im Zimmer umher.
„Wozu brauchst Du denn einen Schreibtisch?“
Ich mache ein Fernabitur. Fast jeden Tag nach der Arbeit sitze ich dort.
„Gibt es dort auch ein Punktesystem? Ich find das blöd und undurchsichtig.“
Nein, ich lerne den Stoff innerhalb von zwei Jahren und melde mich dann zur Prüfung an.
„Das ist doch viel besser.“
Ich stehe dicht neben ihr und bemerke, wie sich ihr ganzer Körper verspannt. Ich kann ihre Angst und ihre Kälte spüren.
Meine Konfusion störte meine Beziehungen und meine Arbeits-leistung erheblich. Ein Mitarbeiter meinte, diese Frau sei nicht gut für mich. Das wusste ich selbst, aber es gab niemanden der ihr helfen konnte (bin ich Gott?). Ich konnte sie nicht alleine lassen.
Ich träumte von dem Durchgangszimmer das zum Schlafzimmer ihres Vaters führte und von ihrem betrunkenen Vater. Ich wachte schweißgebadet unter einem grauen Himmel auf.
Meine Unzufriedenheit mit meiner Situation und die Vorstellung von Abitur und Studium wurden von diesen Sorgen verdrängt.
Ich stand wie üblich eine halbe Stunde vor der Telefonzelle, um mit ihr zu sprechen. Telefonanschlüsse waren noch rar.
Hallo, ich habe lange nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich eine Auszeit brauche. So zwei bis drei Wochen vielleicht.
„Dann hast du mich bestimmt schon vergessen!“
Nein, ganz sicher nicht. Ich brauche nur etwas Abstand zum Nachdenken.“
„Ist es meine Schuld?“, fragte sie verzweifelt – und leiser „Ich weiß, was ich falsch gemacht habe.“
Nein, ich weiß nicht. Es liegt an uns beiden. Lass mir etwas Zeit.
„Ich wusste, dass es an dir liegt!“, sagte sie mit klarer und hasserfüllter Stimme.
„Wollen wir übermorgen ins Kino gehen? Am Kudamm läuft ein Film den ich schon lange sehen wollte. Falling Down.“
Ja, meinetwegen, sagte ich völlig irritiert.
„Kommst Du mich abholen?“
Das schaffe ich nicht, aber wir können uns ja abends um sechs an der U-Bahnstation treffen.
„Bis dann.“
Wieso hast Du einen Rucksack dabei?
„Dort ist ein Geschenk für dich drin.“
Was denn für eins?
„Das verrate ich nicht.“
„Willst du wirklich ins Kino?“
Ja, ich hab mich schon darauf gefreut.
„Du bist nicht sehr flexibel?!“
„Weißt du wie es die Schweine machen?“
Sie legte ein so schnelles Tempo vor, dass ich ihr kaum folgen konnte.
Nun lauf nicht so schnell. Ich muss mit dir reden.
Keine Reaktion.
Nun bleib doch mal stehen.
„Wir können auch im Laufen sprechen.“
Unbekümmert ging sie im gleichen Tempo weiter und ich war kurz davor mich ärgerlich umzudrehen und sie ihren Weg gehen zu lassen. Ich mag solche Spiele nicht – vor allem dann, wenn sie ernst sind.
Ich konnte sie nicht gehen lassen.
In der vollen S-Bahn standen wir dicht voreinander. Sie reckte ihren Kopf zu mir hoch und hielt mir ihre Lippen entgegen. Ich war noch zu verärgert.
„Ich bin nur 1,54. Ich bin so klein.“
Nein, du bist genau richtig.
„Du freust dich gar nicht über das Geschenk!“
Zu Hause angekommen packte ich es aus und machte ihr den Vorschlag die Rotweingläser einzuweihen.
„Nein, ich trinke nichts.“
„Wir werden zusammensitzen und ich werde mich bei dir ausweinen.“
Sie war total verspannt.
Ich schaute in ihre braunen Augen und erschrak über die bodenlose Leere in ihrem Blick.
„Ich hatte schon seit drei Wochen keinen Sex mehr“
Bei mir ist es schon ein viertel Jahr her.
„Wie hältst du das aus?“
Da gibt es nichts auszuhalten, wenn ich welchen habe ist es gut und wenn nicht ist es auch nicht so schlimm.
„Hast du einen Tripper?“
Das Gespräch versandete.
Ich brachte sie zur Hauptverkehrsstraße und sah wie sie neben mir lief. Die Schultern hochgezogen und nach vorne gekrümmt.
Den Kopf hängend.
Ich wollte und konnte nichts mehr hören, rief ein Taxi, setzte sie hinein und nötigte ihr das Fahrgeld auf.
Beim nächsten Telefonat meinte sie, sie glaube, ich sei eine Persönlichkeit und sorgte mit vielen weiteren Worten für das Fliegen der Schmetterlinge in meinem Bauch.
Ich rief sie wieder an und wollte sie sehen. Sie sehe mit einer Freundin und ihrem Vater einen Film, aber ich könne ja später noch einmal anrufen, gab sie zurück.
Sie stand an der Straßenbahnhaltestelle in dem kleinen Schwarzen mit langen Ärmeln, dazu schwarze wollene Strümpfe die knapp unter dem Kleid endeten und halbhohe dunkelbraune Schnürstiefel.
Sie war wunderschön.
„Du kommst fünf Minuten zu spät. Mit der nächsten Bahn wäre ich
zurückgefahren.“
Sie hatte Alkohol getrunken.
Ich setzte mich neben ihren Sessel auf den Boden und bat sie, sich
neben mich zu setzen.
„Neiiin.“, sagte sie mit einem lang gezogenen ängstlichen Ton der zu einem kleinen Mädchen gepasst hätte.
Ich stand auf und sah sie unschlüssig an.
„Ich mag fleischige Männer.“, sagte sie übergangslos.
Ich habe keine Probleme mit mir.
Sie sah zu mir hoch und leckte mit ihrer Zunge über ihre Oberlippe.
„Willst Du mir nicht die Schuhe ausziehen?“
Ich wollte nicht.
In meiner Frühstückspause rief ich sie an, weil ich mir Sorgen machte.
Wie geht es Dir? Du bist gar nicht in der Schule.
„Ich gehe heute nicht. Ich bin im Bett und mir geht es schlecht.“
Ich mache frei und komme sofort zu Dir.
„Nein! Ich will nicht, dass du mich so siehst!“
Mein Chef ließ mich aufgrund meiner schlechten Leistungen in den letzten zwei Wochen nicht gehen.
Am Samstag lernte ich ihren Freundeskreis kennen. Die meisten waren mir sofort sympathisch.
Sie ignorierte mich den ganzen Abend, antwortete mir nur kurz und unterhielt sich mit ihrer Freundin.
Frau Garstig, sagte jemand als die Sprache auf sie kam. Ihre Freundin kam zu mir und bat mich, auf sie zuzugehen. Ich setzte mich neben sie. Sie hielt mir ihren geöffneten Mund entgegen.
Ich steckte meine Zunge hinein und blickte in die Augen meiner Mutter.














Halle der Namen, in der in großen Ordnern die Namen von annähernd sechs Millionen Juden stehen, die im Holocaust ermordet wurden.

Dort trafen wir dann auf die Via Dolorosa (Weg des Leidens), die nach dem Kreuzgang Jesu benannt wurde. Vom Ort der Verurteilung zur Kreuzigung bis nach Golgota, das im antiken Jerusalem außerhalb der Stadt lag, war es nicht sehr weit, vielleicht 600m. Im Bild unten der jetzige Aufgang zum Ort der Kreuzigung.
Diese wird von vier orthodoxen christlichen Gemeinschaften und einer katholischen zugleich beansprucht und betrieben. Der Ort der Kreuzigung im Bild unten.




























