Der Flug ist nicht lang von London nach Berlin, ein neues Buch brauche ich nicht zu beginnen. So genieße ich die Aussicht von dem Fensterplatz und freue mich in meiner Heimatstadt einzutrudeln.
Für die ersten drei Wochen bin ich bei meiner Schwester untergekommen, denn die Wohnungssuche aus der Ferne gestaltet sich unmöglich. So kann ich meine Schwester auch etwas mit ihren Kindern unterstützen – ihre Beziehung ist gerade in die Brüche gegangen.
Nach einer Woche finde ich zwei Wohnungen in meinem alten Kiez und entscheide mich für eine mit Blick auf zwei Höfe, die unweit vom Boxhagener Platz liegt. An diesem habe ich schon einmal gewohnt.
Als erstes fällt mir auf, dass ich nach vierzehn Jahren nur noch selten Berlinerisch im Kiez höre. Der Kiez scheint gentrifiziert worden zu sein, wie zuvor der Prenzlauer Berg, was ich Mitte der Neunziger Jahre live miterlebt habe. Aus der Ferne bekommt man nicht so viel mit oder nur die Konflikte in den Medien.
Den einzigen Konflikt, den ich hier miterlebt habe, war die Besetzung eines halben Straßenzuges der Mainzer Straße Anfang der Neunziger Jahre mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen bei dessen Räumung. Die Straßenschilder waren Schwarz übersprüht, weil die Hausbesetzer annahmen, dass die Polizei aus dem Westen der Stadt so die Orientierung verlieren würden. Die gepflasterte Straße wurde mit einem Bagger aufgerissen, wie ein Schützengraben.
Die meisten Hausbesetzer kamen aus dem Westen der Stadt und dem Bundesgebiet vor Wiedervereinigung. Sie kamen in ein fremdes Land, das sich gerade von der Diktatur erholte, die neuen Freiräume begrüßte und Demokratie lernen wollte. Bis auf die Sprache gab es keine Gemeinsamkeiten – doch, sie wollten preiswert wohnen und nahmen keine Rücksicht auf die Interessen der Eingeborenen, die mit demokratischen Prozessen und politischer Willensbildung kaum Erfahrung hatten. Diese Leerstelle galt es aus Sicht der Hausbesetzer zu füllen – mit ihrem Verständnis von Politik natürlich.
Der Berliner Magistrat unterband nach einiger Zeit Neubesetzungen und fing an, besetzte Häuser zu räumen.
Ich hatte im Friedrichshain auch meine erste eigene Wohnung, die ich quasi von meinem Bruder erbte, der nicht wie ich nach der Flucht im Westteil der Stadt blieb, obwohl die ersten freien Volkskammerwahlen die verbrecherische Diktatur hinwegfegte und die Weichen auf ein gemeinsames Berlin stellte.
Die jetzige Wohnung ist nicht viel größer als die von meinem Bruder, aber mit einem Berliner Zimmer, das den Wohnraum nicht wie eine Schuhschachtel wirken lässt – eine schräge Wand, die den Raum zum großen Hoffenster hin öffnet.
Im Erdgeschoss des Hauses gibt es eine Bar mit siebziger Jahre Design, wo ich gelegentlich einen Drink nehme. Ich bin ohne feste Anstellung als Architekt und die Nachwirkungen der Finanzkrise lasten auch auf den Berliner Büros – es wird zu wenig investiert. Ich nutze die freie Zeit, um mich bei der jungen Partei der Piraten einzubringen, gestalte einen Flyer für diese und versuche, mehr über demokratische Prozesse zu lernen. Programmatisch liegt mir der sozialliberale Anspruch, das fehlt wirklich noch in der Bundesrepublik, neben den digitalen Forderungen. Die Organisationsstruktur ist beeindruckend – von lokalen Gruppen bis hin zu den Parteitagen ist alles digital organisiert und man trifft sich zu Gesprächsrunden in Restaurants, Bars oder Cafés hier im Stadtbezirk. So lerne ich viele neue Leute im Kiez kennen – manche ziemlich schräg, aber das scheint dazu zu gehören.
Was mich wundert ist, dass in einigen Cafés die „Junge Welt“ ausliegt, das ehemalige Zentralorgan der Nachwuchsorganisation der SED. Bisher dachte ich, das hat sich überlebt und die ewig Gestrigen sind alte Männer, die ihrem Leben in der Diktatur nachtrauern. Offenbar lebt der Geist autoritärer Denkmuster und totalitärer Ambitionen noch in anderen Köpfen – und das in Ostberlin zwei Dekaden nach der Selbstbefreiung…
In einem solcher Cafés werde ich dann tatsächlich ausgeforscht – im Plauderton. Irgendwoher kannte ich das schon…
Beruflich mache ich eine Weiterbildung im Bereich Bauphysik und darf unabhängig davon für privat ein Reihenendhaus planen. Das ist meine erste freiberufliche Arbeit in Berlin. Die Bauherren, eine Familie mit zwei Kindern, bringen sich mit ein und eignen sich das Haus quasi schon im Planungsprozess mit an. Wir planen von Innen nach Außen, so dass die Fensteröffnungen unregelmäßig, aber in einem dann gestalteten Proportionsschema Platz finden. Auf den ersten Blick ist die Ordnung nicht erkennbar, weil sie die Diagonalen miteinbezieht und somit trotz Unregelmäßigkeiten eine ruhige Fassade bildet. Wir nehmen Anleihen bei Bruno Taut und tauchen den Putz in ein Ultramarinblau, dass einen schönen Kontrast zum Rot der Ziegel der Bestandsbebauung im Hintergrund bildet. Zudem ist es ein schöner Farbkontrast zum Grünton des Götterbaumes an der Gebäudeecke.
Währenddessen scheitern die Piraten bei der Wahl zum Bundestag und des Abgeordnetenhauses von Berlin, weil sie sich in Berlin in Identitäts- und Minderheitenpolitik verzettelt haben, statt beim Kernprogramm zu bleiben. Jetzt wird auch sichtbar, warum das so ist, denn die Mehrheit der dafür Verantwortlichen wechselt daraufhin zur Linkspartei – die Nachfolgepartei der SED, die wiederum direkt auf die KPD der Weimarer Republik zurückzuführen ist.
In Kreuzberg habe ich mir ein Fahrrad gekauft, mit dem ich auch immer zum Schwimmen fahre, wenn schönes Wetter ist. Ich bin ein Schönwetter-Fahrradfahrer. Von einem Einkauf mit dem Rad zurückkehrend, stehe ich in der Küche und rege mich über irgendetwas auf. Es gibt einen Knacks in meinem oberen Bereich des Brustkorbes und mir wird schwindelig. Vorsichtig gehe ich in das Wohnzimmer und setze mich auf die Couch. Nach fünf Minuten geht es mir besser, ich stehe auf und mir wird wieder schwindelig. Ich setze mich hin, nehme das Telefon und gebe schon mal die 112 ein. Nach einem weiteren Versuch des Aufstehens, bleibt mir zudem noch der Atem weg und mir wird kalt. Ich wähle die Nummer und erkläre, dass ich einen Herzinfarkt habe. Der Notarzt ist schon unterwegs, sagt die Stimme. Fünfzehn Minuten später klingelt es bei mir, ich gehe vorsichtig zur Tür und öffne. Nach einer Überprüfung der Vitalfunktionen, begleiten mich zwei Rettungssanitäter, unter den Achseln fassend, die Treppe hinunter in den Rettungswagen. Mit Blaulicht fahren wir in das Krankenhaus am Friedrichshain, wo mir dann Blut abgenommen wird. Die Marker für einen Herzinfarkt sind vorhanden, so dass ich direkt in das Katheter Labor gefahren werde. Über eine Arterie am rechten Unterarm wird mir nach leichter Sedierung ein Katheter bis zum Herzen geschoben, wo die Engstelle mit einem Ballon geweitet wird, um anschließend einen Stent in der Herzkranzarterie zu platzieren. Er wird entfaltet und an die Gefäßwand gedrückt. Das alles kann ich selbst auf sechs Monitoren mit ansehen, so dass ich jederzeit im Bilde bin.
Drei Tage bleibe ich zur Beobachtung im Klinikum, bevor ich wieder nach Haus kann. Jetzt nachdem alles vorbei ist, entwickele ich eine Herzangst – nachträglich sozusagen. Ich trainiere jetzt beim Schwimmen doppelt so hart, um meine Belastungsgrenzen nach diesem Schock auszutesten. 200 Herzschläge/ Minute sind das Maximum im Kraul mit Schwimmflossen. Nach einem Jahr intensiven Trainings bin ich jetzt in der Lage Delphin zu Schwimmen – nur 50 Meter, aber immerhin. So hat der Herzinfarkt noch etwas Gutes gehabt – ich bin fitter als zuvor.
Ein weiteres Projekt, der Umbau einer Eigentumswohnung und anschließend der Ausbau eines Dachgeschosses zu Wohnzwecken, helfen mir meine überschüssige Energie zu bündeln und verlangen konzentrierte Arbeit mit einem gehörigen Lerntempo. Vieles muss ich mir selbst aneignen. Den Umgang mit den Bauherren und allen anderen an den Projekten Beteiligten zum Beispiel. Zum Glück habe ich zwei gute Freundinnen vom Fach, die mir immer wieder nützliche Hinweise geben.
In meinem Haus sind jetzt alle Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt worden. Viele Mieter nehmen eine kleine Abfindung an, um sich woanders eine neue Wohnung zu suchen. Ich bleibe, denn die Wohnung ist groß genug für mich und meine freiberufliche Arbeit und entspricht meinem Budget.
Zufällig treffe ich jemanden, den ich seit mehr als zwanzig Jahren nicht gesehen habe. Er erzählt mir von Treffen mit anderen zum Fußball Sehen im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft. Sie sind jetzt Unionfans, sagt er. Ich überlege, ob ich mich mal beteilige. Als Teenager bin ich auch zu Union gegangen – es gab ja sonst nichts, was nicht systematisch von der Diktatur durchdrungen war.
Wir treffen uns in Köpenick in einer spanischen Bar im Souterrain eines Gründerzeitbaus und sehen ein Spiel aus der Vorrunde. Ein weiterer Bekannter kommt hinzu – er hat jetzt einen Antiquitätenladen im Kiez. Eigentlich kenne ich alle nur vom Sehen, wir hatten nie engeren Kontakt und entsprechend verläuft das Treffen auch – nichts Persönliches. Das einzige Vertraute war die Berliner Mundart.
In meinem Kiez gehe ich jetzt auch ab und zu in eine Fußballkneipe. Mit zwei Franzosen, die direkt mir gegenüber in die Wohnung eingezogen sind, kann ich jetzt meine Sprachkenntnisse auffrischen und sie sind auch fußballinteressiert. Gemeinsam sehen wir das Halbfinale, in dem Frankreich gegen Deutschland verliert. Das freut mich und tut mir gleichzeitig leid, aber so ist das.
Immer öfter sehe ich jetzt Menschen, die ich aus Teenagerzeiten kannte. Als sei ich ein Licht, das Motten anzieht. Immerhin wurde ich in der Diktatur kurz vor den Prüfungen von der Schule geworfen und konnte dort auch meine Lehrausbildung nicht beenden. Jetzt bin ich ein Architekt mit internationaler Erfahrung. Das scheint eine gewisse Neugier zu wecken, zumal viele von denen mittelbar oder unmittelbar im Bereich des Bauens beschäftigt sind oder etwas mit dem 1. FC Union Berlin zu tun haben.
Hier im Kiez gibt es einige Fußballkneipen, die aber westdeutsch dominiert sind – Werder Bremen, FC St. Pauli und Dortmund. Keine einzige Unionkneipe.
Mir fällt auf, dass es in diesen Kneipen immer subtile Gesinnungskontrollen gibt. Politik scheint immer mitzuschwingen. Das ist ungemütlich, ich mag so etwas nicht, denn ich komme aus einer toleranten Stadt.
In einer dieser Kneipen erzähle ich von meinem letzten Urlaub in Israel und, dass ich selbst jüdische Vorfahren habe. Niemand geht darauf ein. Stattdessen werde ich das nächste Mal von einer mir unbekannten Person antisemitisch attackiert, ohne dass es von den Betreibern Widerspruch oder Sanktionen gibt. Dort gehe ich nicht mehr hin.
Letztens erzählte mir auf der Straße eine Kellnerin, dass sich jemand im Kiez als meine Person ausgäbe und sich in Bars oder Kneipen unmöglich benehme. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll…
Um so länger ich hier wohne, um so undurchdringlicher erscheint mir der Kiez, was auch mit an der hohen Fluktuation liegt. Alles, was ich hier an linksradikal oder extremistisch wahrgenommen habe, hielt ich für reine Folklore – wie auch DDR- Nostalgika. Mittlerweile muss ich erkennen, dass das alles ernst gemeint ist. Bei Wahlen sehe ich hier keine Wahlplakate von CDU oder FDP – die SPD scheint in der Beziehung das höchste der Gefühle zu sein. Haben die beiden anderen Parteien negative Erfahrungen im Kiez mit ihren Wahlplakaten gehabt oder wurden gar Infostände angegriffen? Ich weiß es nicht, aber es fällt mir auf.
Auf meiner Baustelle gibt es Probleme mit Nachträgen des Hauptgewerkes. Nachtragsmanagement – nicht alles lässt sich beim Bauen im Bestand in Leistungsverzeichnissen erfassen oder es ist schlicht handwerkliches Wissen, dass in die Angebote nicht mit eingeflossen ist. So wird der Angebotspreis niedrig gehalten, um den Auftrag zu bekommen. Das Budget der Bauherren wird dadurch strapaziert und ich habe jede Menge Ärger, denn die Kostenkalkulation muss am Ende mit maximal 10% Aufschlag stimmen.
Zudem ist mein Vater, den ich geliebt habe und der sehr stolz auf mich war, gestorben und ich muss meine Mutter in ihrem Alltag unterstützen. Drei Tage die Woche, versuche ich sie wieder zu mobilisieren, fahre Einkaufen, zu Arztterminen und halte den großen Garten in Ordnung. Meine Geschwister wollen oder können nicht mithelfen.
Als ich draußen vor einem Café die Sonne genieße, setzen sich zwei junge Frauen zu mir. Wir kommen ins Gespräch – auch über die Zeit der Diktatur an diesem Ort. Sie verteidigen diese. Ich mache auf die Beschränkungen der Freiheit und die großen Umweltschäden aufmerksam, die auf die Planwirtschaft und deren Mängelverwaltung zurückzuführen sind. Freiwillig sind 17,5 Millionen Menschen nicht unter solchen Bedingungen geblieben und haben ihre Arbeitskraft zu Verfügung gestellt. So etwas interessiert die beiden nicht, es geht ja um die große Idee.
Ich schlittere fast unmerklich in eine Psychose, die durch Feindseligkeiten im Kiez und Trigger Momente noch aus der der Diktatur befeuert wird. Meine direkte Berliner Art stößt hier auch einigen sauer auf, die den sozialen Umgang in einer Metropole wie Berlin nicht gewohnt sind.














Halle der Namen, in der in großen Ordnern die Namen von annähernd sechs Millionen Juden stehen, die im Holocaust ermordet wurden.

Dort trafen wir dann auf die Via Dolorosa (Weg des Leidens), die nach dem Kreuzgang Jesu benannt wurde. Vom Ort der Verurteilung zur Kreuzigung bis nach Golgota, das im antiken Jerusalem außerhalb der Stadt lag, war es nicht sehr weit, vielleicht 600m. Im Bild unten der jetzige Aufgang zum Ort der Kreuzigung.
Diese wird von vier orthodoxen christlichen Gemeinschaften und einer katholischen zugleich beansprucht und betrieben. Der Ort der Kreuzigung im Bild unten.




























