oder aus dem Inneren einer Psychose
von 2015
Weit vor der Stadt existiert nordwestlich seit langem eine Neue. Ich kann nicht einmal sagen, ob diese auch Berlin heißt und ob es ein ebensolches Konglomerat ist oder vollständig vom Reißbrett. Das alles ist schemenhaft, mehr eine undeutliche Erinnerung als tatsächliche Information.
Zur Zeit befinde ich mich noch in der alten Stadt, die nicht nur für mich bespielt wird. Statisten und für den direkten Kontakt Schauspieler, denen eben dieses Spiel nicht anzumerken ist – zu gekonnt. Sie wissen es, ich weiß es, ob sie wissen, dass ich es weiß, bleibt im Dunkeln, denn ich wage nicht daran zu rühren. Es ist besser so.“
Ich finde keinen ausreichenden Schlaf. Alles ist zu neu und es gibt zu viel Stoff zum Nachdenken. Weshalb ich, was macht mich besonders oder ist es einfach nur Zufall.
Die Matratze des Bettes ist etwas bequemer als das Original und das leise Grollen der Straßenbahn in den Schienen der Hauptstraße klingt etwas weniger aufdringlich in den frühen Morgenstunden.
Nachts
Mitten in der Nacht werde ich aufgeweckt. In meinem Kopf erklingt eine Stimme. Soweit sind sie also schon – direkte Kommunikation.
„Bleib still liegen, rühre Dich nicht. Ein selbstzerstörender Stent wurde Dir in die Arterien am Herzen implantiert, falls das Experiment scheitert, aber wir können das nicht länger mittragen. Bleib still liegen, wir holen ihn heraus, sagte sie sanft und beruhigend.
„Wie soll das gehen über diese Entfernung, nach Telepathie auch Telekinese. Welches Jahr schreiben wir tatsächlich?!“
Ich liege ruhig, versuche flach zu atmen und spüre eine nicht gekannte Wärme genau unter dem Brustbein. Jetzt ist es also soweit. Es soll mindestens eine halbe Stunde dauern und es wird nicht leicht, so lange vollkommen ohne Bewegung zu verharren. Der große Zeh fängt an zu jucken und es steigert sich zur Unerträglichkeit. Lenke dich ab und denke an den letzten Urlaub! Segeln vor Plymouth an der Süd-West-Küste Englands. Als du in einen flow geraten bist, das Schiff lag halb auf der Seite, die Gischt spritzte ins Gesicht, die Segel spannten sich im Wind und es war ein Hochgefühl konzentriert mit dem Steuer das Boot in dieser Lage im Wind zu halten.
Wie funktioniert diese Form der Telepathie? Ich kramte in meinem Gedächtnis, was mir von Eric Kandel und anderen Neurowissenschaftlern noch in Erinnerung geblieben ist.
Die Hirnareale, die für passive und aktive Sprache vom Gehirn verwendet werden, müssen die Schlüssel zur direkten Kommunikation sein. Die individuellen Phasenverschiebungen zwischen passiver Aufnahme von sprachlichen Informationen und dem aktiven Weitergeben lassen sich nutzen, um einen Abgleich herbeizuführen. Je mehr der Empfänger spricht, desto besser gestaltet sich die Auflösung im direkten Vergleich und es können aktiv mehr Informationen induziert werden. Das klingt dann wie Sprache und lässt sich sogar auf Klangfarbe der Stimme und Geschlecht modulieren.
Die Empfänger brauchen jetzt nur noch einen kleinen Sender, der sie auch im urbanen Umfeld zielgenau lokalisieren lässt. Ein Mobil vielleicht….
Das Jucken hat aufgehört wie es kam, jetzt zog es an anderer Stelle…
Die Zeit ist relativ, lerne ich gerade wieder und die Minuten dehnen sich zu Stunden.
Was sich nicht geändert hat, sind eine offensichtliche Opposition und eine staatliche oder staatsähnliche Verwaltung, vielleicht auch nur eine Mehrheitsmeinung die verwaltungstechnisch umgesetzt werden kann. Also kein Friede-Freude-Eierkuchen, sondern ein Aushandeln gesellschaftlicher Konventionen, offizieller Meinung usw.. oder eine Diktatur mit einer Opposition im Untergrund. Nicht schon wieder!
I
wie lassen sich diese Versatzstücke zusammen bringen?? und eine lange Geschichte daraus formen???
mehr generalisierende Elemente !!!
Grenzenlose Kontrolle, das hat mir noch gefehlt!, denke ich.
Am folgenden Morgen wache ich spät und mit müden Gliedern auf. War es nur ein schlechter Traum?
Im Spiegel waren deutlich dunkle Ränder unter meinen Augen zu sehen, die auch mit dem Schneiden von Grimassen nicht verschwanden und die vorhergehende Frage beantworteten. Über das Geschehene sinnierend putzte ich mir, wie immer durch die spartanisch eingerichtete Wohnung laufend, die Zähne.
Im Hof scheppern die Deckel der Mülltonnen, ein älterer Herr in einem fleckigem Mantel sucht nach Verwertbarem und im Nachbarhof plärrt ein Kind. Soweit eine gewohnte Umgebung.
Von den Nachbarn war in dem Gründerzeitbau lange kaum etwas zu hören oder zu sehen.
Statt Berlinerisch höre ich jetzt Spanisch, Italienisch, Französisch und Englisch. Die überwiegende Zeit ist es ein Geisterhaus, in dem die Briefkästen von Wochenzeitungen überquellen und abends die Fenster dunkel bleiben.
Die Statisten haben offensichtlich noch andere Verpflichtungen und sehen es wohl als willkommenen Urlaub an, in der alten Stadt zu wohnen. Ich kenne hier niemanden bis auf die kleine Französin direkt unter mir, die denken muss, ein Wohnhaus sei auch Partyzone. Ein erzwungener Kontakt? Oder ein Test, wie ich mit Konflikten umgehe?! Eigentlich wie immer: höflich aber bestimmt mache ich sie auf das Problem aufmerksam und verlange Abhilfe oder aber eine rechtzeitige Information.
Gelegentlich ist jetzt leise die Marseillaise zu hören….
Also alles wie immer, nur den Schreibtisch links liegen lassen. Frühstücken – eine Schrippe mit Butter und Pflaumenmus, einen Kaffee, eine Banane, um ausreichend Magnesium und Kalium zuzuführen und zum Abschluss eine Zigarette, auf die ich trotz meiner sportlichen Ambitionen nie verzichtete.
Ich wählte die Nummer meiner Eltern, aber es ging niemand ans Telefon, das war zu erwarten. Die Telefonnummern haben keine Empfänger mehr…
Sorgfältig packte ich meine Trainingstasche. Schwimmbrille (Malmsten Schwedenbrille), Badehose und Duschgel in das Handtuch eingerollt dazu kurze Flossen, Hand Paddles, um die Brustmuskulatur gezielt zu stärken und Badelatschen.
Das Trainingszentrum lag nur zwanzig Minuten fußläufig entfernt, das ist nicht zu weit und reicht zum Aufwärmen. Der Verein bietet auch mittags Trainingszeiten.
Ich nahm die Tasche quer über die Schulter, schnappte mir die Schlüssel und verließ die Wohnung im 4. OG. Eine sportliche Höhe im Gründerzeitbau die ungeübten Besuchern regelmäßig den Atem nahm.
Die auf Touristen ausgelegten lokalen Geschäfte passierend, sah ich mich aufmerksam auf dem Weg zum Schwimmen um. Nichts Verdächtiges, aber ausschließlich fremde Gesichter.
Schwimmen
Die Trainings- und Wettkampfhalle ist tief in das Erdreich eingegraben und wird über die Oberlichter der Decke auf Stahlfachwerkträgern belichtet.
Das Sonnenlicht flutet die Halle und lässt die unzähligen kleinen Wellenkämme des Wassers glitzern und bei längerem Hinsehen die Nase kitzeln. Das Becken wird heute nur von wenigen zur Mittageszeit genutzt, so das eine komplette 50m-Bahn frei ist. Was für ein Luxus!
Schwimmen ist ein Sport für Individualisten und so wundert es nicht, dass außer in Wettkampfsituationen keine Teams oder engeren Bindungen existieren, weshalb ich auch keines der unbekannten Gesichter grüße.
Ich gleite in das Wasser, tauche unter um Fühlung aufzunehmen und beginne mich einzuschwimmen. Brust und dann im Wechsel Kraulen und Rückenkraulen.
Kraulen ist am besten, da es eine kontinuierliche Vorwärtsbewegung ist und so ein Wassergefühl entsteht. Man wird eins mit dem Wasser, spürt den Widerstand beim Ziehen und Abdrücken der Hände, beim Paddeln der Füße und geht so mit dem Wasser eine Verbindung ein.
Das war so das Einzige was mir heute nicht fremd erschien.
Ich hatte mich an das Allein-Sein gewöhnt.
Die Menschen in meinem Umfeld waren nicht auffallend anders gekleidet, etwas farbiger vielleicht und in keinerlei erkennbarer Markenware.
„Sei wie immer! Du kannst nichts falsch machen.“
Das ist leicht gesagt, wenn man es weiß.
Alle wissen was ich denke…(Gedankenentzug)
Es gibt rivalisierende Fraktionen… Klinik ist Teil der Geschichte – alles spielt in der fiktiven Zukunft! Charakter ausarbeiten – voyeuristisches Interesse der Leser bedienen am Ende keine Auflösung
Ich musste raus aus dieser Geschichte und einen klaren Kopf bekommen. Physisch und psychisch an der Grenze zur vollständigen Erschöpfung, wies ich mich nach Wochen selbst in eine Klinik ein.
Die Diagnose lautete trauma-assoziierte Psychose – das hatte ich mir schon gedacht, denn sie wissen immer noch nicht, was ich weiß und spielen das Spiel weiter.
Nach zwei Tagen Schlaf, mit kurzer Unterbrechung für das Signieren eines Formulars, fühlte ich mich wieder einigermaßen frisch.
In einem typischen Krankenzimmer standen drei Betten nebeneinander, zwei waren belegt. Die Sonne schien hoch durch die Fenster und erreichte mein Bett nicht mehr. Es stand zu der Wand mit der Nische für das Waschbecken. Diese war genau dreigeteilt – die Nische, drei Wandschränke und die Türöffnung. Die gleiche Symmetrie wie die Fensteröffnungen. Offenbar war es ein wohldurchdachter Bau, der mit seiner Spiegellampe und dem Waschbecken an die Moderne erinnerte.
Ich stand auf und suchte in der Tasche nach meiner Zahnbürste.
Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, zog ich meine schwarze Hose und ein dunkelblaues T-Shirt an, schlüpfte in meine Badelatschen und öffnete die Tür zum Flur.
Überall auf dem Gang standen weitere Patienten, an die Wand gelehnt, langsam schlurfend oder in einer Pose erstarrt, aber alle in sich selbst versunken. Vor der Medikamentenausgabe hatte sich eine kleine Schlange gebildet und als sich die Tür zur Ausgabe öffnete kam Unruhe in die Menschen auf dem Gang. Sie bewegten sich langsam auf die Schlange zu und erinnerten an einen Zombiefilm – Frischfleisch! Aber so dramatisch war es nicht, denn es ging nur um bunte Pillen.
Die Frühstückszeit war vorbei und im Essensraum war das Büffet geplündert. Eine Schrippe mit Marmelade und ein Kaffee mit Milch und Zucker mussten reichen, obwohl der Hunger groß war.
Medikamente vs. klarer Kopf!!!…wie geht das weiter, frage ich mich …
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